António Lobo Antunes : Das gute Licht von Lissabon

Heute feiert António Lobo Antunes 70. Geburtstag. Ein Gang mit dem portugiesischen Schriftsteller durch seine Heimatstadt Lissabon. Er sagt: „Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich schuldig.“

Dominik Bollow
Findet manchmal auch schlechte Bücher gut. António Lobo Antunes.
Findet manchmal auch schlechte Bücher gut. António Lobo Antunes.Foto: Isolde Ohlbaum/laif

An Warnungen fehlte es nicht. Unsympathisch sei er, schwierig, gar furchteinflößend, mit seinem durchdringenden Blick und dem kindlich-dämonischen Grinsen: der ewige Literaturnobelpreiskandidat António Lobo Antunes. Der Mann aber, der da an einem Tisch der Cafeteria „O Banquete“ in Lissabons Viertel Conde Redondo sitzt, wirkt eher friedlich. Nichts zu spüren von der Wut in seinen Romanen, die den Leser durch ein Dickicht boshaft-skurriler Metaphern treibt. Und falls, wie der Name des Cafés suggeriert, hier wirklich ein Bankett stattgefunden hat, ist es bereits vorbei. Der Dichter hat ein abgekautes Stück Melone vor sich, ein Glas Wasser, 40 Cent Trinkgeld sowie eine Ausgabe der französischen Literaturzeitschrift „Le Matricule Des Anges“.

Dass er den Nobelpreis für Literatur noch immer nicht bekommen hat, enttäuscht nicht nur ihn selbst, wie er es zwar selten offen zugibt, aber häufig nur schlecht verbergen kann, sondern auch halb Portugal. 14 Jahre nach der Preisverleihung an seinen Landsmann José Saramago ist die portugiesische Leserschaft noch immer in zwei Gruppen gespalten. In die Saramago-Befürworter und jene, die bei jeder Gelegenheit leidenschaftlich darüber diskutieren, warum Lobo Antunes den Preis verdient hätte.

António Lobo Antunes nimmt die Lesebrille ab. Dann fängt er an zu erzählen, lange und ausdauernd. Zum Beispiel von seiner Lektüre deutschsprachiger Autoren. Siegfried Lenz habe er während des Krieges in Angola auf Französisch gelesen. Die Gedichte Benns, der genau wie er selbst Militärarzt war, schätze er sehr. Böll habe er persönlich getroffen, „ein eindrucksvoller Charakter, moralisch integer und mutig, nicht nur intellektuell“. Rilke hingegen interessiere ihn wenig, gesteht er. Ein großer Lyriker, das schon, „als Person“ jedoch könne er ihn nicht leiden, sagt er, als würden ihm die Zeilen des Dichters dessen Charakter verraten.

Dann sagt er einen Satz, den er schon oft gesagt hat: „Es gibt eben auch gute Bücher, die ich schlecht finde, und schlechte, die ich gut finde.“ António Lobo Antunes liebt Zitate, auch die eigenen. An der deutschen Sprache möge er besonders, dass man mit ihr so leicht neue Wörter bilden könne. Er verstehe auch noch Deutsch, was er aber nicht gerne verrate, um unbemerkt mitzuhören, wenn Deutsche über ihn tuscheln.

Wir verlassen das Café und spazieren durch die Rua Gonçalves Crespo. Man muss rechts von ihm gehen, auf dem linken Ohr hört er schlecht. Er verschenkt die Literaturzeitschrift: „Die war im Briefkasten.“ Ein Auto hält an, der Fahrer kurbelt die Scheibe herunter. Smalltalk. Beide lachen laut und verabschieden sich winkend. Man kennt ihn im Conde Redondo, dem Viertel, das man in Lissabon vor allem mit Transvestiten und Straßenprostitution assoziiert. Er schwärmt vom „guten Licht Lissabons“, von den hohen Decken seiner Wohnung, davon, wie sympathisch die Menschen hier seien. Aber es gehe ihm auf die Nerven, dass ihn immer mehr Leute auf der Straße erkennen.

Es ist Anfang August. Langsamen Schrittes manövriert Lobo Antunes uns durch sein Viertel. 70 Jahre wird er nun alt. Da stellt sich die Frage, ob er hin und wieder einen seiner früheren Romane in die Hand nimmt? „Nein, niemals“, winkt er ab, „davor habe ich Angst.“ Und zwar, weil er sich selbst zu gut finden könnte. Die eigenen Bücher liest er nur in den Übersetzungen, um zu überprüfen, ob sie ihm auch gefallen. Mit den ersten deutschen Ausgaben war er nicht zufrieden. Seine Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann aber lobt er. „Es geht nicht so sehr darum, wie gut man Portugiesisch kann, sondern in der jeweiligen Sprache die passende Stimme zu finden.“ Auf den Einwand, seine Romane seien ja nicht leicht zu übersetzen, erwidert er: „Es beschweren sich auch alle ununterbrochen.“

Wir passieren einen herrschaftlichen, aber etwas heruntergekommenen Altbau an der Ecke Rua Bernardim Ribeiro. Unter den Fenstern fehlen die Azulejos. Die handbemalten Keramikfliesen lassen sich gut auf dem Flohmarkt verscherbeln. „Das ist keine vornehme Gegend“, sagt er und wechselt wieder das Thema. Er kenne keinen Autor, dem das Schreiben Spaß macht. Ein leidenschaftlicher Leser sei er zwar, aber während des Schreibprozesses empfinde er keine Leidenschaft. Er ist ein disziplinierter Arbeiter und schreibt von 8 Uhr 30 bis zum Mittagessen, von 14 Uhr bis zum Abendessen, danach bis etwa Mitternacht. In der ersten Fassung, „die immer großer Mist ist“, wie er urteilt, finde man bereits das fertige Werk. Man müsse nur richtig darin wühlen. Auch sein „Freund Grass“ leide beim Schreiben. „Leicht zu lesen bedeutet schwer zu schreiben“, ein Zitat von Nathaniel Hawthorne. Lobo Antunes glaubt nicht an Talent. Er selbst will erst mit 30 Jahren zu seinem Stil gefunden haben. Zuvor sei „alles scheiße“ gewesen. Damals fragte er sich: „Verdammt! Seit ich zehn Jahre alt bin, setze ich aufs Schreiben. Was, wenn ich mein Leben lang nur Mist machen werde?“ Dann wäre er Arzt geblieben. Aber er hat weitergeschrieben. Warum? „Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich schuldig.“ Das muss wohl der deutsche Teil in ihm sein, erklärt er.

In der verkehrsumtosten Rua Gomes Freire fragt ihn eine junge Frau nach dem Weg zur nächsten U-Bahn-Station. Obwohl er hier seit fünf Jahren lebt, weiß er es nicht. Trotzdem schickt er sie auf gut Glück in irgendeine Richtung. Das ist vielleicht der portugiesische Teil in ihm. Wer in Portugal nach dem Weg fragt, wird nicht selten in entgegengesetzte Himmelsrichtungen geschickt. Hilfsbereitschaft ist Ehrensache, selbst wenn man nicht Bescheid weiß. Dann deutet er auf eine farblose Mauer. „Dahinter liegt eine psychiatrische Klinik, die Miguel Bombarda. Als ich Arzt war, betrachtete man Homosexualität noch als Krankheit“, sagt er. Es wirkt, als habe er Spaß daran, entsetzliche Dinge zu erzählen.

Das Miguel Bombarda war das erste psychiatrische Hospital in Portugal und ist insbesondere für sein „Panoptikum“ bekannt, ein kreisförmiger Bau, der bis zum Jahr 2000 der Sicherheitsverwahrung „krimineller Verrückter“ diente. „Auch heute noch geht man in Portugal mit dem Thema Homosexualität nicht offen um“, fährt Lobo Antunes fort und bleibt dann am Campo Mártires da Pátria stehen. Hier befinden sich die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut.

Im gleichnamigen Park steht die Statue des 1897 verstorbenen Arztes Sousa Martins, der noch heute als eine Art säkularer Heiliger verehrt wird. Der Sockel liegt begraben unter einem Berg Votivgaben, Marmortafeln, Blumen und Bilder, die von seinen spirituellen Heilungen zeugen. „Und der war Atheist“, kommentiert Lobo Antunes. Drei ältere Damen sprechen uns an. Vorwurfsvoll fragt eine, warum ich mich gegenüber meiner Chefin so schlecht benommen hätte. Wie bitte? Dort in der Patisserie, dort arbeiten Sie doch. Nein, eine Verwechslung. „Ist schön, wenn man auf der Straße erkannt wird, nicht?“, freut sich Lobo Antunes. Sein Lächeln ragt über das gesamte Gesicht, es verjüngt ihn. Dann wird er wieder ernst. „Alzheimer“, sagt er. Wir kehren um. Die Damen verabschieden sich freundlich und wünschen einen guten Tag. „Saúde, felicidades!“ Man kennt sich, auf die eine oder andere Art.

„Das Gute an Portugal ist, dass es hier kaum Rassismus gibt. Die Erinnerung an den Salazarismus ist noch zu frisch. Jeder kennt zumindest noch jemanden, der es miterlebt hat.“ Er berichtet von einer Demonstration gegen die Sparmaßnahmen der Regierung in Lissabon, bei der sich Anhänger der rechtsradikalen MON (movimento de oposição nacional) unter die Demonstranten mischen wollten, aber von einer bunten Mischung aus alten Herren, Müttern mit Kindern und Teenagern unter „Nie wieder Faschismus!“-Rufen davon abgehalten wurden. „Oder nehmen Sie Afrika. Wenn ich Angolaner wäre, würde ich die Portugiesen hassen. Aber nichts dergleichen“, wundert er sich.

Es folgt eine Flut von Anekdoten und Zitaten, Machohaftes über die Unterschiede zwischen portugiesischen und deutschen Liebhaberinnen sowie die Geschichte eines ihm bekannten Journalisten, der aussehe wie Sean Connery.

Dabei fährt sich António Lobo Antunes mit beiden Händen über das Gesicht, als würde er sein eigenes nach dem des Freundes formen. Dann fällt ihm ein, dass Willy Brandt in Portugal ein Frauenschwarm war. Und dass während seines DAAD-Stipendiums in Berlin, da er an dem Roman „Tratado das Paixões da Alma“( „Die Leidenschaften der Seele“) schrieb, alle „tadellos“ mit ihm umgegangen seien: „Ich bekam Geld, aber niemand hat überprüft, ob ich schreibe oder nicht.“ Als er ausgeführt hat, warum er nie mit einer Schriftstellerin zusammenleben würde – da er als Schriftsteller nur zu gut weiß, wie schrecklich das sein muss –, hebt er die Hand zur Faust und streckt den Mittelfinger heraus. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, gibt aber Acht, dass der Finger nicht auf einen vorbeigehenden Passanten zeigt.

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