Kultur : Anton Corbijn: Ware Lügen

Christian Schröder

Zwei Männer in den besten Jahren: Der eine hält einen Wasserschlauch in der Hand, der andere versteckt sein Gesicht hinter einer monströsen Sonnenbrille. Der Mann mit dem Schlauch trägt ein korrektes Oberhemd, mit dem Daumen reguliert er den Wasserstrahl, sein Blick ist apathisch. Den Mann mit den Sonnenbrille umweht hingegen der Hauch des Glamours, seine Nase, Stirn und Ohren sind vom Blitz des Fotografen in ein fahles Licht getaucht, alles andere verschwindet im schwarzem Nichts. Irgendwie kommen einem die beiden Männer bekannt vor, aber man muss auf die Schilder unter ihren Fotos schauen, um zu erkennen, wer sie sind. Den Wasserschlauch hält Peter Gabriel, der Mensch hinter der Sonnenbrille ist Stephen Hawking: der Rockmusiker als Spießer, der Denker als Popstar. Ein Rollentausch. Identität: ein Spiel.

Anton Corbijn ist ein Meister des V-Effekts. Prominente fotografiert er am liebsten so, wie sich noch keiner gesehen hat. Corbijn wurde vor 45 Jahren als Sohn eines calvinistischen Priesters in der holländischen Provinz geboren, vielleicht hat er deshalb das zweite Gebot zu seinem Credo gemacht. Du sollst dir kein Bildnis machen - oder zumindest nicht bloß eins. Es gibt so gut wie kein Foto von ihm, bei dem ein Musiker seine Gitarre hält, und als er vor zwei Jahren Hawking traf, war es ihm wichtig, ihn ohne den Rollstuhl abzulichten, der den Atomphysiker immer wieder zum Behinderten degradiert. "Werk" lautet der puritanisch-schlichte Titel einer Ausstellung, die rund 200 Arbeiten Corbijns im Düsseldorfer NRW-Kulturforum versammelt und seine Fotos endlich dorthin bringt, wo sie hingehören: in einen Kunsttempel. Denn Corbijn, der mit einer Tagesgage von 40 000 Mark zu den teuersten Porträtfotografen gehört, inszeniert die Wirklichkeit wie ein Filmregisseur.

In Düsseldorf sind seine grobkörnigen Celebrity-Aufnahmen an bonbonbunten Wänden aufgehängt, die sie erst richtig erstrahlen lassen. Man kann an ihnen entlangschreiten wie an einer Pop-Ahnengalerie: Kaum ein Musiker, der in den letzten 25 Jahren eine Rolle gespielt hat, fehlt. David Bowie trägt Windeln, Kurt Cobain enthüllt seinen beim Liebesspiel zerkratzten Rücken, Marianne Faithfull hockt im BH beim Frühstück, Mick Jagger zeigt mit einer Teufelsmaske Sympathy For The Devil, Tom Jones gibt den Super-Macho in Lederhose.

Corbijn teilt sein Oeuvre in drei Phasen ein: eine schwarze, eine bunte und eine blaue Periode. Als er 1979 nach London ging, wollte er mit seinen Bildern noch "den Menschen hinter der Fassade" zeigen und fotografierte für Magazine wie den "New Musical Express" die Helden des Underground von Joy Division bis Elvis Costello in hartem Schwarz-Weiß. Später setzte er U2 für das Cover ihrer CD "Achtung Baby" in einen grellbunt ausgeleuchteten Trabbi. Vor zwei Jahren war er die psychologisierenden Nahaufnahmen endgültig leid und begann, für sein Buch "Still Lives" Prominente in "Fake Documentary"-Posen auftreten zu lassen. Da schiebt Lars von Trier nackt eine Schubkarre durch seinen Garten, und Mel Gibson macht Liegestützen in einem Wohnwagen. "Die Kamera lügt immer", befand Brian Eno, "der schöpferische Akt besteht darin, sich für eine bestimmte Lüge zu entscheiden." Corbijn entscheidet sich mit seinen Fotos für die Art von Lüge, die der Wahrheit sehr nahe kommt.

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