Anton Vidokle und der Russische Kosmismus : Unsterblichkeit für alle

Das HKW zeigt demnächst eine Ausstellung über den Russischen Kosmismus. Darin mischten sich Marxismus, Technik und Religion. Der Künstler Anton Vidokle weiß mehr.

Auf den Spuren einer vergessenen Zukunftsvision. Anton Vidokle beim Ausstellungsaufbau im Haus der Kulturen der Welt.
Auf den Spuren einer vergessenen Zukunftsvision. Anton Vidokle beim Ausstellungsaufbau im Haus der Kulturen der Welt.Foto: Mike Wolff

Im Weltraum war Laika noch nicht. Aber über den Atlantik ist sie schon geflogen. Die Hündin begleitet Anton Vidokle, wenn er zwischen New York und Berlin pendelt. Der Künstler hat sie nach der ersten Hündin im Weltraum benannt. Sie wurde 1957 mit der Sputnik 2 in den Orbit geschickt und überlebte die Mission nur knappe vier Tage. Keine zehn Jahre später umkreiste Juri Gagarin als erster Mensch im All die Erde.

In Vidokles wucherndem Forschungsprojekt zum russischen Kosmismus hängt alles mit allem zusammen, Leben mit Kunst, Auferstehung mit Technik, Utopie mit Scheitern. Der Charme der Philosophie von der Unsterblichkeit für alle liegt darin, dass ihre Vertreter sich nicht entmutigen ließen von der Absolutheit des Todes. Wenn man Vidokle in elaboriertem Englisch reden hört, fühlt man sich in einen Roman von Jules Verne versetzt und weiß nicht, ob man glauben oder staunen soll.

1965 in Moskau geboren, wanderte Vidokle als Teenager mit seinen Eltern in die USA aus. Er gehört zu den Gründern von e-flux, einem weltumspannenden Künstlernetzwerk und hat jetzt fünf Jahre an seiner Film-Trilogie über den russischen Kosmismus gearbeitet. Das Werk ist ab 1. September im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Reihe „100 Jahre Gegenwart“ zu sehen. Jeder Film wird in einem nachgebauten Mausoleum gezeigt, denn es geht um die Überwindung des Todes.

Ausgestopfte Tiere werden lebendig

Die Kamera schweift minutenlang über die Silhouette eines muslimischen Friedhofs in Kasachstan. Hier fanden erste biophysische Experimente zur Verlängerung des Lebens statt. Ein anderes Mal wandern die Filmemacher durch Museumshallen in Moskau. Das Museum, so die Vision des Kosmismus, hütet das Material für die Auferstehung der Verstorbenen. Die drei Filme folgen den Spuren der beiden wichtigsten Denker des Kosmismus, des Philosophen Nikolaj Fedorov und des Biophysikers Alexander Chizhevsky. Er habe sich immer gewundert, so Vidokle, warum aus Russland trotz der reichen literarischen Tradition keine Philosophie überliefert sei, bis er herausfand, dass der Kosmismus von Stalin ausgelöscht wurde.

Für Vidokle beginnt die Beschäftigung mit der Unendlichkeit bereits Ende des 18. Jahrhunderts, als angeblich ein Komet auf die Erde zuraste. 1835 verarbeitete Wladimir Odojewski, Schriftsteller und Direktor des Moskauer Rumjanzew Museums, die apokalyptische Vision in einem ersten Science-Fiction-Roman. Darin entwirft er eine Zukunft, in der alle Häuser mit Telegrafen verbunden sind und die Menschen ihre Zeitung auf Flüssigkristallbildschirmen lesen.

Nikolaj Fedorov muss Odojewskis Text gekannt haben, glaubt Vidokle, denn er arbeitete als Bibliothekar am Rumjanzew Museum. „Niemand kann sich seinen eigenen Tod vorstellen. Das bedeutete für ihn, dass der Tod extrem unnatürlich ist. Und deshalb muss es Wege geben, ihn zu verhindern.“ Den Filmemacher fasziniert an der Geschichte, dass ein Kunstwerk genau so viel Einfluss haben kann wie die Technik. Fedorov hatte die Idee, den menschlichen Körper mit Hilfe von Biologie, Medizin und Technik unsterblich zu machen. Nach der Abschaffung des Todes sei es die allgemeine Pflicht, auch die Vorfahren wieder auferstehen zu lassen, forderte er. Das sei Aufgabe der Museen. Der dritte Film der Trilogie spielt im Zoologischen Museum von Moskau. Die Kamera fährt an den Vitrinen entlang und lässt die ausgestopften Tiere lebendig werden. Weil aber nach der Auferstehung der Menschheit der Platz auf der Erde zu knapp wird, entwickelte Fedorov den Plan, den Weltraum zu erschließen und andere Planeten zu besiedeln.

Versuche mit Chizhevskys Kronleuchter

Eine Generation später knüpfte der Biophysiker Alexander Chizhevsky an Fedorovs Vision an. 1897 geboren, wuchs Chizhevsky in Kaluga auf, einem Zentrum für anthroposophische und theosophische Ideen. Als Teenager knüpfte er erste Kontakte zu Konstantin Ziolkowski, dem Wegbereiter der russischen Raumfahrt. Chizhevsky beobachtete mit dem Teleskop den Himmel, später schrieb er über den Zusammenhang zwischen Sonnenflecken und Geschehnissen im Ersten Weltkrieg. Weil er auch die russische Revolution auf Veränderungen in der Sonnenstrahlung zurückführte, ließ ihn Stalin verhaften.

Nach acht Jahren im Gulag lebte Chizhevsky in Karaganda, in Kasachstan und arbeitete dort an seiner berühmtesten Erfindung, dem Luft-Ionisator, der bekannt wurde als Chizhevskys Kronleuchter. Der Erfinder war so überzeugt von der Lebens verlängernden Wirkung des Gerätes, dass er ganze Berieselungshallen plante, in denen die Luft gereinigt werden sollte, mit Liegestühlen und Springbrunnen für die Bergarbeiter und politische Häftlinge der Region.

Für seinen Film hat Anton Vidokle den Apparat nachbauen lassen, größer denn je, fünf Meter im Durchmesser mit einer enormen Leistung. Weil die Dreharbeiten in Nähe des Flughafens stattfanden, musste das Team auf Pausen im Flugverkehr warten. Die Konstrukteure befürchteten, der Ionisator könnte einen Absturz verursachen. Alle Handys wurden entfernt, damit sie nicht verglühten. Am Ende war allerdings keinerlei Wirkung zu spüren. Im Film muss Vidokle auf einen Trick zurückgreifen.

Philosophie, Ethos, Phantasie und Spinnerei

Belegt ist dagegen das Verfahren der NASA aus den 90ern, das Rotlicht von LED-Leuchten zur Wundheilung im Weltraum einsetzt. Damit die Zuschauer den Effekt verstehen, blinken im Film immer wieder Rotbilder auf. Heute, glaubt der Künstler, sind viele Ideen des Kosmismus realisierbar, allerdings befürchtet er, dass nur wenige Menschen Zugang zu den neuen Techniken erhalten. Peter Thiel zum Beispiel, PayPal-Gründer und Milliardär, lässt sich sein Blut mit Transfusionen von Teenager-Blut auffrischen.

Philosophie, Ethos, Phantasie und Spinnerei mischten sich im Kosmismus zu einem Zukunftsvision, deren Einfluss auf die russische Avantgarde bisher weitgehend unbeachtet blieb. Werke von Rodtschenko, El Lissitzky oder Malewitsch lassen sich mit dem Wissen um die Philosophie des Kosmismus anders lesen. Das Schwarze Quadrat von Malewitsch entstand aus einem Theaterstück, in dem die Sonne gefangen genommen wird. Weil es Oben und Unten negiert, vermittelt es das Gefühl der Schwerelosigkeit im All, meint Anton Vidokle.

Bei seinen Vorträgen über den Kosmismus macht Vidokle die Erfahrung, dass vor allem junge Zuhörer sich die Unsterblichkeit als unendlich langweilig vorstellen. Ihn selbst fasziniert an einer Kunst ohne Tod vor allem der Zeitgewinn. Er frage sich manchmal, was aus seinen Filmen geworden wäre, wenn er nicht nur fünf Jahre, sondern 500 oder 5000 Jahre für den Schnitt zur Verfügung gehabt hätte, sagt er. Während des Gesprächs über das Immer und das All bleibt Laika ruhig unter dem Tisch. Der kleine Hund schläft selig im Hier und Jetzt.

„Art Without Death: Russischer Kosmismus“, 1. 9. bis 3. 10. im Haus der Kulturen der Welt. 1. / 2. 9. Konferenz, kuratiert von Boris Groys.

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