Antonia Baums neuer Roman : Hauptsache ballern

Antonia Baum hat einen neuen Roman geschrieben: „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ...“. Doch wie der Titel versandet auch die Erzählung im Nirgendwo. Die Sprache schwankt zwischen unauthentisch geschliffenen und holprigen Passagen, die Figuren wirken bemüht skurril.

Tilman Strasser
Bewusstes Unterlaufen erprobter Erzählstrategien? Moderne Lebensleere? Kunst? Nein, nur schlecht geschrieben.
Bewusstes Unterlaufen erprobter Erzählstrategien? Moderne Lebensleere? Kunst? Nein, nur schlecht geschrieben.Foto: Screenshot/Vimeo

Als Lektor zu arbeiten, kann sehr undankbar sein. Niemand bemerkt einen, wenn alles glatt läuft. Und wenn nicht, ist das Geschrei groß – und die Aufmerksamkeit da. Innenverteidiger beim Fußball kennen dieses Problem und machen zuweilen groteske Fehler, so als wollten sie um jeden Preis ins Rampenlicht. Im Fall von Antonia Baums Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ greift die gleiche Vermutung. Schließlich soll ein Lektor seinen Autor schützen wie der Innenverteidiger den Strafraum. Vielleicht aber muss ein Verlag wie Hoffmann und Campe zuweilen ein Eigentor schießen, um die Leistung anderer Spieltage, vulgo Bücher, zu betonen.

Hier weiß niemand, wo’s langgeht

Nach dieser Lesart wäre Baum ein Bauernopfer. Ihr Roman prescht selbstbewusst und schön unbedarft voran: Vater Theodor erzieht allein drei Kinder, und Tochter Romy berichtet vom Aufwachsen in prekären Verhältnissen. Die Bagage siedelt nach Berlin um, eröffnet ein Wettbüro, was schiefgeht, kehrt in die Provinz zurück und narrt das Jugendamt, bis die Kinder zu Dealern werden. Auf einer zweiten Erzählebene ist der Vater verschwunden und die nunmehr erwachsenen Blagen bauen auf Drogen einen Unfall.

Eine peppige Coming-of-Age-Story soll das sein. Cover, Klappentext und viele Popkultur-Wendungen („Theodor lachte, wie Jack Nicholson immer lacht, wenn er das Arschloch ist“) legen das nahe – doch braucht es in dieser Liga auch Witz und Tempo. Romy indes tendiert dazu, mit vielen Sätzen immer das Gleiche zu sagen. Auch der Plot tritt auf der Stelle: Nebenfiguren, Nebenhandlungsstränge tauchen auf, warum auch immer, und verschwinden wieder ins Nichts, wo sie herkamen. Der Leser tappt im Dunklen. Und ahnt nach ein paar blauen Flecken: Hier weiß niemand, wo’s langgeht.

Unmotivierte Anglizismen: „Ich war im Grunde ziemlich stolz auf unser Life“

Also Kunst? Bewusstes Unterlaufen bekannter Erzählstrategien? Moderne Lebensleere am Beispiel leerer Teenagermägen? Der Roman ist schlicht zu schlecht geschrieben. Hier hätte der Lektor dazwischengrätschen müssen: Baum findet keine Sprache, weder für ihre Charaktere noch den Stoff. Romy formuliert zu geschliffen, um authentisch zu sein, zu holprig für eine ästhetische Diktion. Sie quasselt sich ungebremst zwischen alle Stühle, wirft unmotiviert mit Anglizismen („Ich war im Grunde ziemlich stolz auf unser Life“) und verliert sich in künstlich beschränkten Beschreibungen: „Nein, sie traten nicht ein, sie brachen ein, weil solche Schränke wie die nicht normal durch eine Tür gehen können, nein, solche Schränke brechen immer ein, weil jede Form von Ordnung durch ihre Anwesenheit sofort zerstört ist, weil sie eben von Beruf Zerstörer sind.“

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren. Roman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2015. 400 Seiten, 22 €.
Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren. Roman. Hoffmann...promo

Starke Figuren könnten solche stilistische Schwächen ausbügeln. Aber Romy und Theodor bleiben bemüht skurril wie ihre Road- und Drogentrips durch den Sozialkitsch: „Nacht immer noch, so dunkel. Wie lange geht denn diese gefährliche Nacht noch? Eine Nacht, auch diese, dauert eine bestimmte Zeit und ist irgendwann vorbei.“ Ein Buch zum Glück auch.

Im März auf der lit.Cologne las Baum, als hätte sie ihren Text zum ersten Mal gesehen. Sie betonte die Satzanfänge, als ahne sie nicht mal die Enden. Dazwischen flirtete sie Maxim Drüner an, einen ebenfalls geladenen Rap-Star. Ihr Buchtitel „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo …“ ist das Zitat eines Songs, das wie Sperrmüll im Showdown herumsteht. Weitere Zitate finden sich, und glücklich wird womöglich, wer Hip-Hop im Heuhaufen suchen will und keinen hohen Anspruch ans Heu stellt.

Baum: „Das ballert doch, ich finde, das ballert doch total!“

Kritik ficht Baum nicht an: Die komme von Männern, vornehmlich alt und frustriert, die einer Frau keine Themen gönnen und keinen Mut, sagte sie auf dem lit.cologne-Podium. Der unbeirrt männliche Moderator wollte trotzdem wissen, weshalb sie so, nun ja: weitschweifig an dem Plot herumerzähle. „Findste?“, antwortete Baum, „Das ballert doch, ich finde, das ballert doch total!“ Die Scheinwerfer starrten wie Stadionleuchten. Kein Lektor, nirgends.

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren. Roman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2015. 400 Seiten, 22 €.

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