Kultur : Antworten von

VORWAHL (10)

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Albert Ostermaier

Wir haben Künstlern und Schriftstellern drei Fragen gestellt.

1. Deutschland und der Reformstau: Welche Reformen halten Sie für am dringlichsten – und was wäre Ihre Lieblingsreform ?

2. Schröder contra Stoiber: Welchen Rollen-Typus verkörpern die beiden Staatsschauspieler?

3. Ist die etablierte Parteienklasse zu versteinert – und würden Sie sich einen neuen Politikertypus wünschen ? Was wäre die Lockung oder Drohung eines Außenseiters à la Pim Fortuyn?

1. Im Verkehr bilden sich nicht selten Staus, weil die Menschen einen Unfall auf der gegenüberliegenden Straßenseite begaffen. Ebenso verhält es sich mit der Politik: Wir gaffen zuviel und reden dabei Blech. Stattdessen bräuchten wir den Mut zur Zumutung, aber wir mutieren selbst zu Politikern.

Ein Kreisverkehr: Je mehr wir ihnen gleichen, desto mehr werden wir ihrer überdrüssig, desto mehr suchen sie wiederum sich uns anzugleichen. Der „Reformstau“ beginnt hinter der Stirn: Wir stauen unsere Wunschvorstellungen gegen Widerstände, die in uns und nicht nur im bequemen Anderen liegen. Nach Goethe wäre die Regierung die beste, die uns lehrte, uns selbst zu regieren. Oder mit Ernst Toller: Nur wer die Kraft zum Traum hat, hat die Kraft zum Leben. Wir dagegen bleiben uns treu, ohne uns zu verändern.

Meine Lieblingsreform wäre momentan eine Überschwemmungsabgabe für Wahlplakate.

2. Danton mit Zigarre, Robespierre mit Zeigefinger. Woran beide, Schröder und Stoiber, scheitern: der Wohlfahrtsstaat. Die Ausschüsse tagen und tagen. Und nach den Rollen rollen die Köpfe. Natürlich nur im übertragenen Sinne, denn im Theater kann man auch, wenn man sich um Kopf und Kragen redet, mit Kopf und Kragen im Arm weitersprechen, einen schönen Abgang haben oder das Publikum anherrschen. Aber vielleicht ist alles doch eher ein Marionettentheater. Nur, würde Kleist sich fragen, „ist der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein Tänzer“?

3. Wer anderen Realitätsferne unterstellt, muss sich fragen lassen, wie nahe er selbst an der Realität ist. Aber vielleicht wäre es schön, wenn jeder, der Kanzler werden möchte, einen kleinen Crash-Kurs bei Günther Wallraff absolvieren müsste. Ein Jahr Undercover in Deutschland. Eine Frage der Maske. Natürlich würde dann Herr Stoiber gerne zur „Bild-Zeitung“ gehen. Aber sie sollten besser erst mit Sandsäckeschleppen beginnen, wenn sie nicht möchten, dass die Dämme, auf denen sie stehen, brechen.

Ich wünsche mir eine Politik ohne Lockung und Drohung, hoffe, dass die populistischen Stimm-und Seelenfänger sich weiterhin selbst in ihren eigenen Netzen zu Fall bringen.

Wir haben die Wahl. Wählen wir!

Albert Ostermaier lebt als Dramatiker und Lyriker in München. Sein jüngstes Stück „Vatersprache“ wurde vor zwei Wochen zur Eröffnung der ersten Ruhr-Triennale in der Essener Zeche Zollverein uraufgeführt.

Nächste Folge: Michael Holm

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