Kultur : Antworten von

VORWAHL (12)

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Elke
Schmitter


Wir haben Künstlern und Schriftstellern drei Fragen gestellt. 1. Deutschland und der Reformstau: Welche Reformen halten Sie für am dringlichsten – und was wäre Ihre Lieblingsreform ? 2. Schröder contra Stoiber: Welchen Rollen-Typus verkörpern die beiden Staatsschauspieler? 3. Ist die etablierte Parteienklasse zu versteinert – und würden Sie sich einen neuen Politikertypus wünschen ? Was wäre die Lockung oder Drohung eines Außenseiters à la Pim Fortuyn?

1. Dringlich: Besteuerung des Flugbenzins. Dass man für einen Euro von München nach Berlin fliegen kann (oder für 99 nach Mallorca) ist obszön. (Wo wir gerade dabei sind: Benzin für Lasttransporte natürlich auch. Englisches Mineralwasser in Brandenburger Restaurants...). Meine Lieblingsreform: eine des Steuersystems, die auf Kompensationsgeschäfte verzichtet. Steuern sollten pauschal bezahlt werden, ohne Aufwandsentschädigungen, Förderungsmodelle (wie z.B. in Italien). Bürger und Staat kommunzieren zu viel über das Medium Geld. Die Unklarheit unseres Systems fördert Unaufrichtigkeit und Misstrauen auf beiden Seiten über die Fragen, wer wofür Verantwortung übernehmen soll, wie Pflichten und Freiheiten verteilt sind, wo politische und moralische Ansprüche angemessen sind.

2. Merkwürdigerweise beide, noch immer, Nebenrollen: In einer ländlichen Komödie wäre Stoiber der redliche, aber glanz- und erfolglose Mitbewerber, Schröder der wohlwollende Patenonkel, der zur Hochzeit ein gebrauchtes Auto schenkt. Kein Cechov, kein Shaw, kein Shakespeare, kein Kleist.

3. Neue Politikertypen haben wir schon: den geistesgegenwärtigen, humorvollen Daniel Cohn-Bendit; die unerschrockenen Renate Künast, Christa Nickels, Andrea Fischer, sachlich und klug; die Geduldig-Ungeduldigen Hermann Scheer und Klaus Töpfer, engagiert und schlau. Aber das klägliche Schauspiel der „Experten“ nach dem „Duell“ warf ein Licht auf die Mutlosigkeit der Medien und ihrer Lieblingsstatisten - was da zusammenfabuliert wurde, war ebenso unfrei und erwartbar wie die Sprechpuppenautomatik von Kanzler und Kandidat. Wenn man`s nicht schlechter wüsste, würde man an eine Verschwörung glauben: aber es ist wohl nicht einmal gewollt, „es passiert“ einfach so, damit bloß „nichts passiert“. Vielleicht unsere verdrehte Art, noch immer für den deutschen Faschismus zu büßen: leblose Wohlerzogenheit, offensive Machtlosigkeit, sich anbiedernder Durchschnitt vor den Kulissen.

Elke Schmitter lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman „Leichte Verfehlungen" (Berlin Verlag).

Nächste Folge: Michael Krüger

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