Kultur : AOK oder Waffen-SS?

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Heute Abend, 23 Uhr30, u. a. mit Martin Walser und Zadie Smith).

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Träume süß, mein Mädchen"
10) Joy Fielding: Träume süß, mein Mädchen (Deutsch von Kristian Lutze, Goldmann Verlag, 416 Seiten, 19,95 €)

Manche Männer sind perverse Schweine: tun erst ganz freundlich und verlangen dann Analverkehr. Und manchmal ist die Wirklichkeit weniger kompliziert als die Literatur. Denn während in diesem lieblos zusammengeklitterten Krimi solch penetrierende Männermonster daran zu erkennen sind, dass sie Bier statt Wein trinken, erkennt man in der Wirklichkeit solch penetranten Schwachsinn viel einfacher: nämlich daran, dass Joy Fielding draufsteht.

 Service Online bestellen: "Hectors Reise"
9) François Lelord: Hectors Reise (Deutsch von Ralf Pannowitsch, Piper Verlag, 192 Seiten, 16,90 €)

Diese als Roman getarnte Erbauungsschrift über die Weltreise eines Psychiaters, der wissen will, was Glück bedeutet, taugt lediglich, den Unterschied zwischen dem Preis und dem Wert eines Buchs zu illustrieren. Lelords in predigendem Kinderbuchton verfasste Aneinanderreihung von Lebenshilfe-Leerformeln kostet 16,90 Euro. Das ist ihr Preis. Ihr Wert hingegen ist null.

 Service Online bestellen: "Das Vermächtnis der Wanderhure"
8) Iny Lorentz: Das Vermächtnis der Wanderhure (Droemer Knaur Verlag, 608 Seiten, 16,90 €)

Der absurde Titel ist noch das Beste an diesem peinlich schlecht geschriebenen historischen Roman über eine in die Sklaverei nach Russland verkaufte Frau des Mittelalters. Überzeugende historische Patina besitzen in diesem Buch allein die Klischees und Phrasen in den ungelenken Sätzen der Autorin.

 Service Online bestellen: "Wo kein Zeuge ist"
7) Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist (Deutsch von Ingrid Krane-Müschen und Michael Müschen, Blanvalet Verlag, 797 Seiten, 22,95 €)

Eine zunächst nicht entdeckte Mordserie in London, ein zweiter Täter als Trittbrettfahrer und dazu wie immer sehr viel englisches Lokalkolorit. Die neue George bietet verlässliche Krimikonfektion – und doch noch etwas mehr: fein gezeichnete Seelenlandschaften und ein überzeugendes Gesellschaftspanorama des modernen Großbritannien. Ein gutes Buch.

 Service Online bestellen: "Das Magdalena-Evangelium"
6) Kathleen McGowan: Das Magdalena-Evangelium (Deutsch von Barbara Först und Rainer Schumacher, Lübbe Verlag, 541 Seiten, 19,95 €)

Als Roman gelesen, ist dieser Dan-Brown-Abklatsch voller Offenbarungen darüber, was Jesus vor zweitausend Jahren mit Maria Magdalena trieb, erschütternd, weil miserabel. Da die amerikanische Autorin im Nachwort aber erklärt, dies alles sei ihr alles selbst enthüllt worden und sie habe die Form des Romans für ihre religiösen Visionen nur gewählt, um „die heilige Natur dieses Wissens und die Menschen zu beschützen, die es bewahren“, muss ich hier mein literaturkritisches Instrumentarium einpacken und darf an die freundlichen Kollegen vom Heiligen Offizium oder von der Psychiatrie verweisen.

 Service Online bestellen: "Resturlaub"
5) Tommy Jaud: Resturlaub (Scherz Verlag, 256 Seiten, 12,90 €)

Weil ihn bei seiner heiratslüsternen Freundin in Bamberg nichts als das Elend von Ehe, Eigenheim und Einbauküche erwartet, versucht ein Marketing-Manager, ins ferne Argentinien auszubrechen. Leider ist das eindringlichste Beispiel für den Beklemmungen auslösenden kleinbürgerlichen Mief Jauds Roman selbst mit seinen sexistischen Stammtischwitzeleien.

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4) Philip Roth: Jedermann (Deutsch von Werner Schmitz, 176 Seiten, 17,90 €)

Kein großes, aber ein radikales Buch ist der neue Roman von Philip Roth: ein bewegendes Endspiel über Vergänglichkeit und Tod, eine nihilistische Erörterung der Frage, wie man damit leben kann, dass nichts mehr kommt nach dem Erlöschen aller Sinne. Auch wenn „Jedermann“ die altbekannten Roth-Themen Kindheit-in-New-Jersey, jüdische Identität und Sex-in-Amerika ein wenig spieldosenhaft variiert, ragt dieses Buch auf dieser Bestsellerliste sehr weit heraus.

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3) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 19, 90 €)

Ein Bilderbogen aus den Leben des Mathematikers Carl Friedrich Gauss und des Entdeckungsreisenden Alexander von Humboldt: nie langweilig, oft hintergründig komisch, immer auf Höhe seines Gegenstands. Bloß vermag ich jenseits der Unterhaltsamkeit keinen zwingenden Grund anzugeben, warum man unbedingt einen Blick in dieses wundersam bunte historische Kaleidoskop werfen müsste.

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2) Ildiko von Kürthy: Höhenrausch (Wunderlich Verlag, 256 Seiten, 17, 90 €)

Irgendwann packt Linda, Ildiko von Kürthiys Heldin in diesem Buch, ein verspätetes Weihnachtspaket ihrer Mutter aus. Es ist der einzige schöne Moment wahrer Selbstironie in diesem Roman, denn das Paket enthält drei Bücher: „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“; „Die neue Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“ und „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu halten“. Frau von Kürthy lässt ihre Heldin darauf seufzen und die Frage stellen: „Warum kann sie nicht Kekse backen wie andere Mütter auch?“ Sagen wir so: als Roman taugt „Höhenrausch“ nichts. Aber als Keks ist es vorzüglich.

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1) Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel (Steidl Verlag, 480 Seiten, 24 €)

An dieser Stelle ein kleines, aber notwendiges ästhetisches Credo: Ob ein Autor Mitglied in der Waffen-SS war oder in der AOK, ist für die Bewertung seiner künstlerischen Leistung vollkommen irrelevant. Günter Grass hat ein vielschichtiges, anrührendes und mitunter urkomisches Buch mit Erinnerungen geschrieben, ein Buch darüber, wie Erinnerungen entstehen und wie sie uns täuschen können. Man erfährt daraus nicht, warum Grass so lange über seine Zeit bei der Waffen-SS geschwiegen hat. Aber man erfährt, wie aus der historischen Erfahrung von Günter Grass ein Werk entstanden ist, das zum Brillantesten zählt, was in dieser Bundesrepublik geschrieben wurde.

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