Kultur : "Apocalypse": Massenmord in der Puppenstube

Jörg von Uthmann

Glückliche Royal Academy! Keinen Pfennig erhält sie von der öffentlichen Hand und meldet trotzdem stolze Gewinne. Ihr letzter Jahresbericht weist einen Überschuss von zweieinhalb Millionen Pfund (acht Millionen Mark) aus. Norman Rosenthal, der "Exhibitions Secretary", versteht sich offenbar auf die Kunst, ein Haus zu füllen. Der größte Hit war "Monet im 20. Jahrhundert": Mit 750 000 verkauften Tickets war dies die bestbesuchte Ausstellung des Jahres 1999 - weltweit. Zwei Jahre zuvor bewies "Sensation", das Defilee junger britischer Künstler aus dem Saatchi-Stall, dass die Leute, wenn man sie nur richtig provoziert, auch zu zeitgenössischen Werken strömen. Kassenmagnet war in London ein aus vielen gestempelten Kinderhändchen komponiertes Porträt der Kindermörderin Myra Hindley. In New York war es eine mit Elefantenkot garnierte Madonna, die den gutkatholischen Bürgermeister Giuliani bewog, dem Brooklyn Museum die Zuschüsse zu sperren. Das Museum klagte, der Bürgermeister verlor den Prozess, und die Kunstfreunde drängten sich, das anstößige corpus delicti persönlich zu begutachten.

Den Sensationserfolg vor drei Jahren, der 300 000 Besucher ins Haus lockte, hofft die Royal Academy jetzt zu wiederholen. Der Titel "Apokalypse - Schönheit und Schrecken in der zeitgenössischen Kunst" lag in der Luft. Das mythologisch befrachtete Jahr mit den drei Nullen hat auch andere Kuratoren in Endzeitstimmung versetzt. Im Februar dokumentierte die British Library die eschatologischen Ängste der Menschheit anhand von illuminierten Handschriften, Zeichnungen und Grafiken. Soeben wurde im Pariser Grand Palais eine Ausstellung mit dem Titel "Visions du futur" eröffnet. In "Sensation" traten, wie gesagt, nur Briten auf. Diesmal sind sie in der Minderheit. Was immer man gegen die Schau einwenden mag - unübersichtlich ist sie nicht. Mr. Rosenthal hat sich auf 13 Künstler beschränkt; jedem wurde ein ganzer Saal überlassen.

Der Einstieg ist nichts für Dicke oder Herrschaften mit lädierter Bandscheibe. Man zwängt sich durch eine enge Öffnung und findet sich in einem muffigen Keller wieder. Ein Film belehrt uns, dass dies eine Kopie des Kellers in Rheydt ist, den Gregor Schneider seit zwölf Jahren um- und ausbaut. Wolfgang Tillmans, der zweite deutsche Teilnehmer, arbeitet dagegen in London. Seine großformatigen Fotografien zeigen Stilleben, Porträts und dramatische Sonnenuntergänge. Schneider und Tillmans wurden vermutlich eingeladen, weil sie die beiden Flügel des thematischen Diptychons, den Schrecken und die Schönheit, verkörpern. Zum Schönheitsflügel gehören auch Amerikas erfolgreichster Kitschier, Jeff Koons, und die 33-jährige Japanerin Mariko Mori, die, bevor sie zur Kunst fand, Kleider auf dem Laufsteg vorführte. Koons schwelgt in knalligen Farben und vergrößert Spielsachen zu monumentalen Skulpturen aus Chromstahl. Wer will, mag die Verbindung von Infantilismus und technischem Finish bewundern. Mariko Moris gläserne Pagode versteht sich, wie ein Wandtext verrät, als "Feier von Geistigkeit und Konsumgesinnung, ausgedrückt durch üppiges Format und außergewöhnlichen Frieden". Sollte es an der Übersetzung liegen, dass wir die Inspiration eher in Disneyland vermuten? Wer die Geduld aufbringt, in der Warteschlange anderthalb Stunden auszuharren, wird von zwei weißgewandeten Helferinnen ins Innere der Pagode geleitet, wo ihm ein Vier-Minuten-Film "außergewöhnlichen Frieden" beschert.

Warten muss man auch, um Chris Cunninghams Kurzfilm "Flex" zu sehen. Minderjährige werden erst gar nicht eingelassen, was die Erwartung beträchtlich steigert. Cunningham hat sich einen Namen mit special effects in Science-Fiction-Filmen und Videos von Pop-Stars gemacht. In "Flex" beobachten wir einen muskulösen Glatzkopf und seine nicht minder muskulöse Gefährtin beim Liebesspiel, das immer gewalttätiger wird; zuletzt fließt Blut. Ist dies der Schrecken der Apokalypse? Oder ist es Tim Noltes und Sue Websters Abfallhaufen, hinter dem von Zeit zu Zeit zwei schattenhafte Gestalten auftauchen? Oder ist es Maurizio Cattelans von einem Himmelskörper zu Boden geworfener Papst? Darren Almond, der "erstaunt war über die tiefe Wirkung, die ein Besuch von Auschwitz auf ihn hatte", hat die beiden Bushaltestellen vor dem Museum originalgetreu nachgebaut; nach dem Ende der Londoner Schau sollen sie die Originale ersetzen.

Das größte Objekt der Ausstellung geht auf das Konto der Brüder Jake und Dinos Chapman. In "Sensation" waren sie durch Puppen aufgefallen, denen an den überraschendsten Stellen männliche Genitalien sprossen. Ihr neues Werk ("Hell"), das sie zwei Jahre lang beschäftigte, besteht aus acht, in der Form eines Hakenkreuzes angeordneten Glasvitrinen mit 5000 Figurinen, teils Tätern in deutscher Uniform, teils Opfern in allen möglichen Stadien des Verendens. Es wird gefoltert, geköpft, gehängt, sogar gekreuzigt, abgetrennte Körperteile liegen herum, ein ganzer See ist mit blutigen Schädeln gefüllt. Auch Mißbildungen aller Art sind reichlich vertreten. Die Vorbilder sind nur allzu klar: Wie Bosch, der "Höllenbruegel", Callot, Goya und Otto Dix wollen die Chapman-Brüder die Greuel des Krieges geißeln. Wollen sie es wirklich? Oder ist das Ganze nur eine morbide Spielerei? Die Londoner Presse ließ das Gewimmel jedenfalls kalt.

Die Apokalypse, die uns in der Royal Academy vorgeführt wird, ist nicht bedrohlicher als die Geisterbahn auf einem Jahrmarkt. Was übrigens kein schlechtes Zeichen ist. In einer Gesellschaft, die dem Weltuntergang mit Humor entgegensieht, kann man es aushalten.

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