Kultur : Apokalypse NAU

Starkes Debüt: Marco Kreuzpaintners„Ganz und Gar“

Christian Schröder

Es sind die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, an denen sich die Qualitäten eines Filmes erweisen. Ob der Anzug des Hauptdarstellers etwas über seinen Charakter erzählt. Wie Türen zugeschmissen, Zigaretten gehalten oder Bierdosen geöffnet werden. Und welche Musik an den entscheidenen Stellen im Hintergrund zu hören ist. Bei „Ganz und Gar“, dem Debütfilm des 26-jährigen Münchener Regisseurs Marco Kreuzpaintner, tanzt am Anfang ein Wasserballett, und dazu läuft „Love Is In The Air“, der Hit von John Paul Young aus dem Jahr 1978. Die Schwimmerinnen formieren sich zu entzückenden Figuren, John Paul Young singt: „Love is in the air / everywhere I look around / I don’t know if I’m being foolish / don’t know if I’m being wise / but it’s something that I must believe in / and it’s there when I look in your eyes.“ Überall steckt die Liebe, in jedem Windhauch, in jeder Meereswelle und in jedem Wipfel eines Baums. Die Euphorie des Songs passt gut zu den schwungvollen Bewegungen der Schwimmerinnen. Doch nichts wäre falscher, als deshalb eine unbeschwerte Sommerliebeskomödie zu erwarten. Fast achtzig Minuten werden vergehen, bis wieder „Love Is In The Air“ erklingt.

Das Meer ist ziemlich weit weg in diesem Film, Ort der Handlung ist ein Städtchen in der ostdeutschen Provinz, das über viele Fachwerkhäuser, ein paar Läden, eine einzige Diskothek und ein Freibad verfügt. Die männliche Jugend des Ortes schlägt die Zeit tot, indem sie sich nachts dosenbiertrinkend auf einer Industriebrache versammelt und als Mutprobe von einer Brücke auf vorbeifahrende Schiffe springt. Vor dem Sprung schreit einer der Jungs noch „Rock’n’Roll!“, vielleicht hat er das bei MTV gesehen. Die weibliche Jugend des Ortes ist in der Ballettgruppe des Schwimmvereins organisiert.

Die Protagonisten von „Ganz und Gar“ sind Anfang, Mitte Zwanzig, ein Alter, in dem man sich schon mal fragt, wann es denn nun anfängt, das richtige Leben. Micha (Hanno Koffler) zum Beispiel, der Ängstlichste aus der Jungsclique, will seiner Liaison mit Lisa (Mira Bartuschek) in trockene Tücher bringen. „Ich hab was versteckt, du musst es suchen“, sagt er ihr und zieht sie in sein Zimmer, das er mit Rosenblüten bedeckt hat. Sie sagt „okay“, aber an ihrem Gesichtsausdruck ist zu erkennen, dass jetzt nichts mehr okay ist. „Du Micha, ich hab’ dich gern, aber alles ist schon so verplant.“ Den Verlobungsring muss sie sich gar nicht mehr angucken, die Beziehung ist gelaufen.

Torge, der Held des Films (David Rott), ist das Gegenteil von Micha: ein Luftikus, dem das Glück und die Frauen nur so zufliegen. Von dem Baugerüst aus, auf dem er als Zimmermann arbeitet, sehen die Probleme ganz schön klein aus. In den Pausen flirtet er mit den Passantinnen. „He, Alter!“, brüllt er zu Micha, seinem Kollegen, herüber. „Das Leben ist geil, die Sonne scheint, wir rocken jetzt richtig ab!“ Dann stürzt er, ein Unfall, vom Gerüst. Als er ein paar Wochen später aus dem Krankenhaus entlassen wird, hat er dort, wo sein rechtes Bein war, eine Kunststoffprothese. Seinen Beruf kann er vergessen, doch Torge will kein Mitleid, er flüchtet sich in Zynismus. Lisa bietet ihm einen Aushilfsjob als Bügler (!) in dem kleinen Brautladen an, den sie von ihrer Mutter geerbt hat. Natürlich verlieben sie sich ineinander, natürlich fangen die Schwierigkeiten damit erst an. Denn Torge hat mit Micha gewettet, dass Lisa seinen Heiratsantrag nicht zurückweisen wird. „I don’t know if I’m being foolish / I don’t know if I’m being wise.“

„Ganz und Gar“ ist dem schlüpferschwenkenden Humor der handelsüblichen Pubertäts- und Coming-of-Age-Komödien weit überlegen. Komische und dramatische Situationen gehen ineinander über, die präzisen Dialoge könnten direkt dem Alltag abgelauscht sein (Drehbuch: Maggie Peren). Anfangs glaubt man noch, der Film spiele irgendwo im Südwestdeutschen, dann merkt man, das „NAU“ der Autokennzeichen steht für Nauen. Nach und nach weitet sich der kleine Jugendfilm über Liebe und Verrat zu einem Mentalitäts-Panorama einer ganzen Zonenkinder-Generation. Die Fassaden in Nauen sind frisch renoviert, aber viele Wohnungen dahinter stehen leer. Es gibt keine Industrie mehr, und die Eltern – beispielsweise Lisas Vater, ein Bademeister (Herbert Knaup), der in die Kasse der Tochter greift – haben ihre Autorität verloren. Vielleicht hat Regisseur Marco Kreuzpaintner das genaue Hinschauen bei Edgar Reitz gelernt, dessen Assistent er war. Wer „Ganz und Gar“ guckt, kann sich schon jetzt vorstellen, wie die nächste „Heimat“-Staffel aussehen könnte.

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