Kultur : Appetit auf Aspirin

Denis Scheck[Literaturkritiker]

Denis Scheck kommentiert von heute an einmal monatlich abwechselnd die aktuellen Belletristik- und Sachbuchlisten der „Spiegel“-Bestseller – ab September parallel zu seinem sonntäglichen Fernsehmagazin „Druckfrisch“ in der ARD. Der heutigen Kolumne liegt die Sachbuch-Liste vom 7. Juni zu Grunde – wie immer in absteigender Reihenfolge.

10) Gabor Steingart: Deutschland: der Abstieg eines Superstars (Piper)

Ein volkswirtschaftliches Lehrbuch, das klug darstellt, was in der Wirtschaftspolitik unseres Landes alles schief läuft, und obendrein auch noch überzeugende Konzepte zur Lösung anbietet. Was will man mehr? Höchstens ein wenig mehr Einsicht, dass wir ein kleines Land auf einem kleinen Kontinent sind, so gut wie ohne Bodenschätze und touristische Attraktionen, dafür mit miserablem Wetter, sprichwörtlich unhöflichen Umgangsformen, schlechter Küche, extremen historischen Hypotheken und einer Sprache, die von vielen Mitbewohnern dieses Planeten bestenfalls als unmelodisch wahrgenommen wird. Superstars sehen anders aus.

9) Gloria von Thurn und Taxis: Gloria. Die Fürstin (Heyne)

Kein Buch, nur ein fast 400 Seiten langes Geplauder mit einer Frau, die durch Heirat zu Geld kam. Weil Peter Seewald immer dezent, nie aber devot fragt und weil die Antworten von Mariae Gloria Ferdinanda Joachima Josefine Wilhelmine Huberta von Thurn und Taxis, geborene Gräfin von Schönburg-Glauchau, meist amüsant, bisweilen sogar profund ausfallen, ein schönes Stück Trash-Kultur.

8) Johannes Paul II: Auf, lasst uns gehen! (Weltbild)

Wirres Geschwafel vom Heiligen Vater, unstrukturiert und noch nicht mal in den Anekdoten aus Polen erkenntnisstiftend: „Zu Weihnachten werden in Polen immer viele Weihnachtslieder gesungen, während man vor Ostern eher solche wählt, die sich auf die Passion beziehen.“ Wer hätte das gedacht?

7) Michael Moore: Volle Deckung, Mr. Bush (Piper)

Eine weitere Rumpelkiste voll journalistischer Gebrauchstexte des brillanten Filmemachers, aber lausigen amerikanischen Buchautors. Michael Moore argumentiert nicht, er agitiert. In seiner dumpfen Demagogie, seinem fortwährenden Appell an den lauernden Mob und seiner Unfähigkeit, die Welt auch einmal aus den Schuhen des anderen zu betrachten, scheint mir Michael Moore mehr mit George W. Bush zu verbinden als zu trennen.

6) Sir Peter Ustinov: Achtung! Vorurteile (Hoffmann & Campe)

„Eines Tages, wenn eine deutsche Fußball-Mannschaft mit rosa Balletthöschen auf den Zehenspitzen tänzelnd daherkommt und den Ball auf der Nase balanciert und grazil ins Tor köpft, wird der französische Reporter immer noch sagen: Da ist er wieder, der beinharte Realismus der deutschen Spielweise.“ Eines von zahllosen Vorurteilen, die Peter Ustinov aufs Korn nimmt. Auch ich habe Vorurteile – gegen aus Bandabschriften entstandene Bücher von Schauspielern zum Beispiel. Diese Sammlung von Ustinovs Anekdoten und Gedanken über die Entstehung von Vorurteilen ist aber so geistreich und vergnüglich, dass ich dieses Vorurteil gern revidiere.

5) Oliver Kahn: Nummer eins (Droemer)

Besser als das neue Buch vom Papst, aber immer noch schlecht: die kargen Reflexionen des Ausnahmetorwarts Oliver Kahn erreichen ihren Höhepunkt in einem Satz, der das Zeug zum Memoirenklassiker hat: „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“

4) Wibke Bruhns: Meines Vaters Land (Econ)

Es gibt unzählige Bücher zum „Dritten Reich“, auch zum Widerstand des 20. Juli. Das Buch von Wibke Bruhns über ihren Vater Hans Georg Klamroth ist dennoch eine Ausnahme. Warum? Weil Wibke Bruhns am Beispiel einer Familiengeschichte klar, eindrücklich und mit faszinierendem Quellenmaterial die Kontinuitäten zwischen Wilhelminismus und „Drittem Reich“ beleuchtet – und die von vielen Konservativen empfundene Schmach über die Demütigungen des Versailler Vertrags nachvollziehbar macht. Wibke Bruhns hat eine bewegende Familiengeschichte und eine fesselnde Chronik geschrieben, ein Buch, das Antwort auf die Frage gibt, woher denn all die glühenden Nazis kamen und welche Motive und Traditionszusammenhänge diese Menschen in die Arme von Adolf Hitler trieb. Ein Glücksfall.

3) Dietrich Grönemeyer: Mensch bleiben – High-Tech und Herz (Econ)

Professor Grönemeyer, einer der Wegbereiter der sogenannten Mikro-Therapie, plädiert mit viel Verve für ein entschiedenes Einerseits-Anderseits in der modernen Medizin: Ebenso notwendig wie der Fortschritt der Apparatemedizin sei, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. Unberücksichtigt bleibt, dass auch auf Buchlänge ausgewalzte Binsenweisheiten krank machen können.

2) Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott (Blessing)

Kukident, Viagra und das ZDF können doch nicht alles sein, was einen im Alter erwartet. Wir werden immer älter, und keiner hat mehr Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren. Stattdessen werden Alte als gierige Greise diffamiert, die unsere Rentenkassen plündern und die Krankenversicherungen ausnehmen. Schluss damit, fordert FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in seiner Kampfschrift gegen den Altersrassismus. Schirrmachers Buch überzeugt, nervt allerdings auch durch seinen Oberkommando-der-Wehrmacht-Ton, in dem es ständig einen „Krieg der Worte“, „Krieg der Kulturen“ und „Krieg der Generationen“ in die Welt hinausposaunt. Am Ende hat man den Eindruck, „Mit 66 Jahren“ in einer Interpretation aus dem Führerbunker gehört zu haben.

1) Susanne Fröhlich: Moppel-Ich (Krüger)

Der Erfahrungsbericht einer Frau, die abnehmen will, verfasst im terroristischen quietschvergnügten Dauercrescendo eines Animateurs im Robinsonclub. Ein Buch, das Appetit macht auf Aspirin.

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