Kultur : Appetit auf Utopie

Hans Christoph Buch

"Mannesmann - siegt heute die Geldgier?" titelte "Bild" letzte Woche. Daneben, rot unterstrichen: "200 Mark Profit pro Aktie - was zählen da 130 000 Arbeitsplätze?" Auf dem Höhepunkt der Holzmannkrise lautete die Schlagzeile: "30 000 Arbeiter verraten und verkauft." Und unter der Überschrift "Das Herz des Bauarbeiters" riss ausgerechnet Springers "B.Z." den Couponabschneidern die Masken vom Gesicht: "Rund 17 000 Bauarbeiter von Philipp Holzmann können ihre Helme an den Nagel hängen, weil ein paar Nieten in Nadelstreifen ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Ganz normal? Ja, leider ist das ziemlich normal im Deutschland der Banken und Konzerne!"

Das durfte nicht unwidersprochen bleiben. Die Wiedergeburt des Klassenkampfs aus dem Geist der Boulevardpresse rief die CSU auf den Plan, und "Report" München warf dem Springer-Konzern billigen Populismus vor. Ein neuer Kulturkampf zwischen der Berliner Republik und dem Freistaat Bayern war entbrannt.

Was ist passiert? Ist die APO auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen in der Chefetage des Springerhauses angelangt? Fällt das Bollwerk der Reaktion, das einst im Mai unerschütterlich dem Ansturm der vereinigten Linken widerstand, dieser wie eine überreife Frucht in den Schoß? Die "Welt", so munkelt man hinter vorgehaltener Hand, sei fest in altachtundsechziger Hand. Und im Frankfurter Walhalla der "FAZ" erklingen revolutionäre Lieder aus den Aufbaujahren der DDR, gesungen von Johannes Reißmüller, einer Säule des konservativen Blatts, der sich als Ernst-Busch-Fan geoutet hat und auf der Stalin-, pardon Frankfurter Allee in die lichte Zukunft marschiert. Säulen können nicht singen, und marschieren noch weniger, ich weiß. Aber mit Gesang wird gekämpft, trotz alledem! Und das Ergebnis gibt es auch schon auf CD.

Was ist passiert? Hat eine parteiübergreifende Allianz von Arbeitern der Stirn und der Faust den Klassenfeind ausgeknockt? Oder hat die Wühlarbeit revolutionärer Zellen und ehemaliger Stasi IMs die Kommandohöhen der rechten Presse unterminiert? Nichts von alledem. Die Sache ist einfacher und komplizierter zugleich. Die Ideen von 1968 sind abgesunkenes Kulturgut, das wie ein geologisches Leitfossil an unvermutetem Ort wieder auftaucht. So wie die als Ami-Gedudel diffamierten Songs von Elvis Presley und Bill Haley, zu deren Klängen Halbstarke die Waldbühne demolierten, heute auf Adventsfeiern in Seniorenheimen gesungen werden, so sind Ernst Busch, Eisler und Brecht aus der Wohngemeinschaft abgewandert ins bürgerliche Wohnzimmer. Und Goethes von Staat und Kirche auf den Index gesetzter Roman "Die Leiden des jungen Werther" ist Pflichtlektüre im Leistungskurs Deutsch. Ein bisschen Revolution muss sein: Das ideologische Artensterben weckt den Appetit auf Utopie, und je radikaler die so genannte Globalisierung soziale und politische Alternativen aus der Welt schafft, desto stärker das Bedürfnis nach einer anderen Art von Internationalismus, der sich auf Solidarität reimt. Abgesunkenes Kulturgut eben: Nostalgie (mit oder ohne n) ist ein anderes Wort dafür.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben