Kultur : Après-Art in Berlin Mitte

KNUD EBELING

In aller Welt stellen Cafés und Restaurants zu Beginn der Saison Stühle auf den Gehweg.Jeder will seinen Platz unter der Sonne der Metropole.Das ist in Berlin nicht anders.Nur, daß in der Kunstszene die Saison im Herbst beginnt.Neben den Hauptereignissen Berlin-Biennale, Art Forum und Sensation präsentieren auch Off-Orte Hochglanzkataloge.Auch der Blumenladen nebenan macht eine Ausstellung.Jeder will dabeisein im Aufbruch der Berliner Kunstszene.

Fast will es scheinen, als ob ein Hauch von olympischem Geist durch die sonst eher muskelarme Kunstwelt weht.Er sorgt dafür, daß jeder Quadratmillimeter Ausstellungsraum in der Hauptstadt bespielt wird.Denn bei aller Freude über ein Ereignis wie die Berlin-Biennale sollte man nicht vergessen, daß es vor allem die Off-Szene der Stadt war, der sie ihren Ruf als Kunstmetropole verdankt.Künstler kommen vor allem wegen der Fülle an undefinierten Orten in die Stadt.Anders gesagt: Die Biennale präsentiert nur die polierten Früchte im Schaufenster, die im Hinterhof entstanden.

Exemplarisch für eine solche Zusammenarbeit zwischen On und Off und damit typisch für Berlin sind anti-institutionelle Institutionen wie das "Büro Friedrich" (Friedrichstraße 103-104).Bis Ende Januar zeigt das Büro Austauschphänomene zwischen Kunst und Musik mit Künstlern wie Rineke Dijkstra, Lothar Hempel, Sidney Stucki oder Rirkrit Tiravanija.In einer Club-Nacht mit dem Titel "Beige and Sneakers" wird der Ausstellungsraum zur Lounge, in der auf zwei oder drei Bühnen Verbindungen zu Pop und Punk, Techno und Trash hergestellt werden können (3.Oktober, 21 bis 4 Uhr).Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgen die Künstler Max Mohr und Kalaman, wenn sie im Keller der Galerie Arndt & Partner für das Après-Art Entertainment einen "Club im Labor" einrichten (Auguststraße 35, bis 4.Oktober, ab 21 Uhr).

Gewiß die charmanteste Institutionsfiktion der Stadt ist die "Rampe 002" der Berliner Künstlerinnen Annette Maechtel und Kristin Wergeland Krog.Ihre Ausstellung mit Zeichnungen, Scherenschnitten, Cassetten und Musik des musizierenden englischen Kult-Psychopathen Daniel Johnston sagt uns, daß die glamouröse Partnerschaft zwischen Kunst und Pop keine Erfindung der neunziger Jahre ist (Schlegelstraße 26/27, Fr-So 16-20 Uhr, bis 18.10., Eröffnung heute, 20 Uhr).Gleich nebenan zeigt "loop-Raum für aktuelle Kunst" Malerei des sächselnden Malers Thomas Scheibitz.Danach gibtÔes auch die unvermeidliche "half-loop-lounge" (Schlegelstraße 26/27, Mi-Sa 14-18 Uhr, Eröffnung heute, 20 Uhr).

Es gibt nicht nur Ausstellungsräume, die so tun, als wären sie Bars - es gibt auch Bars, die sich als Ausstellungsräume etablieren.So zum Beispiel die "kunst und technik"-Bar.Dort läuft eine sehenswerte Ausstellung junger Künstler wie zum Beispiel Jonathan Garnham, Franz Hühnerkopf, Juliane Kühn oder der israelische Newcomer Assaf (Safy) Etiel.Die Show macht deutlich, daß auf der Biennale nicht unbedingt die besseren Künstler vertreten sind (Montbijoustraße 2-3, 17-21 Uhr, Finissage 4.10., 20 Uhr).Etiel zeigt in der benachbarten Galerie berlin-tokyo sein Video "Mein kleines Pony" und remixt am Wochenende als Videojockey eine handverlesene Auswahl von Filmfragmenten (Rosenthalerstraße 38, 3.Oktober).

Besonders erfolgreich an den Off-Orten ist die Berliner Künstlerin Susanne Lorenz.Bei "kunst und technik" hat sie Landschaftsgärtchen gepflanzt.In der Galerie Koch und Kesslau ist ein großer Berg aus Knetmasse zu sehen (Weinbergsweg 3, 15-20 Uhr).Und in die Vitrinen vor dem Haus des Lehrers am Alexanderplatz hat die Berliner Künstlerin Sportplätze aus Schmirgelpapier hineingebastelt (bis 16.10., Eröffnung 3.10., 19 Uhr).Wer seine Spielwiese zwischen Kunst und Leben noch nicht gefunden hat, dem sei eine arkadische Feldstudie von Miguel Rothschild ans Herz gelegt.Der argentinische Künstler zeigt im "Ideen-Shop" Fotos von künstlichen Paradiesen des Trash zwischen Reste-Rampe und Ladenschluß (Gartenstraße 1, 15 bis 20 Uhr, bis 5.10., Eröffnung heute, 19-22 Uhr).

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