Kultur : Apropos Kongo

Was Kulturarbeit in Afrika vermag: Die Arbeit der Goethe-Institute hat auch politische Konsequenzen

Hans-Georg Knopp

In der Demokratischen Republik Kongo hatten vor zehn Tagen die knapp 26 Millionen Wahlberechtigten seit über 40 Jahren erstmals die Möglichkeit, in freien Wahlen an ihrer politischen Zukunft mitzuwirken. Um den Ablauf zu sichern, wurden Beobachter aus der ganzen Welt entsandt. Zudem hat die Präsenz von Truppen aus Ländern der Europäischen Union – unter ihnen knapp 800 deutsche Soldaten – dazu beigetragen, dass der erste Wahltag weitgehend ruhig verlaufen ist. Die Debatte um die Entsendung deutscher Soldaten in den Kongo hat jedoch auch gezeigt, dass wir uns noch darüber verständigen müssen, mit welchen Zielen und Instrumenten wir uns außenpolitisch betätigen möchten.

Die auswärtige Kultur- und Bildungsarbeit hat dabei den Ruf, politisch unverdächtig, vielleicht gar „gutmenschlerisch“ und wirkungslos zu sein. Erst wenn es um militärische Kräfte geht, kommt Öffentlichkeit in die Debatte. Viele Projekte des Goethe-Instituts in Afrika berücksichtigen in besonderer Weise den wichtigen, wenn nicht entscheidenden Faktor der Kultur für die politische und gesellschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig insistieren wir aber auch auf Projekten, in denen der „Eigensinn“ des Ästhetischen im Vordergrund steht. Möglicherweise erzeugt dies bei dem einen oder anderen den Eindruck des Harmlosen. Zu Unrecht: So sind es oft gerade die Unberechenbarkeit und Vieldeutigkeit der Kunst, die politisch, subversiv, emanzipatorisch wirken kann. Noch ein zweiter, gerade im Falle von Afrika schwerwiegender Aspekt, wird unterschlagen: Auswärtige Kulturarbeit wird vor Ort keineswegs als interesselos und harmlos wahrgenommen. Auswärtige Kulturarbeit ist mitnichten ein „Sahnehäubchen“.

Kum a Ndumbe III verfasste vor anderthalb Jahrzehnten die Analyse „Was will Bonn in Afrika?“ Neoimperiale Interessen unterstellte er der bundesdeutschen Politik und Wirtschaft, und das Goethe-Institut erklärte er zum willfährigen Propagandainstrument.

Der Autor ist Prinz des Stammes der Bele-Bele in Kamerun und Gründer des Verlags „afrique avenir“ (Zukunft Afrika). Die antikoloniale Befreiungsrhetorik brachte dem geachteten Intellektuellen nicht nur zu Hause viel Respekt ein, sondern auch auf vielen Vortragsreisen durch Europa. Er übersah, dass das Goethe-Institut seit Bestehen vehement auf seiner Unabhängigkeit besteht. So unsinnig es Anfang der 90er Jahre von dem Prinzen war, das Goethe-Institut in vermeintliche Sippenhaft zu nehmen, so kurzsichtig ist die heute bei uns verbreitete Vorstellung, Afrika sei nichts als elend und hilfsbedürftig.

Gewiss, die wirtschaftliche Lage des überwiegenden Teils der Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara ist katastrophal, und es lassen sich bisher nicht erlebte Fluchtbewegungen beobachten. Doch allein die 47 subsaharischen Länder mit etwa 650 Millionen Einwohnern und mehr als 1000 eigenständigen Sprachen machen Afrika zu einem Kontinent vieler Kulturen und Religionen. Es ist ein Kontinent, der seine ehemalige Versorgungsmentalität („il faut en profiter“) zunehmend hinter sich lässt und dessen Staaten selbstverantwortliche Zivilgesellschaften entwickeln – über die traditionellen Familien- und Clanstrukturen hinaus. Der sich dahinter verbergende Wandel verlangt nach Gesprächspartnern auf gleicher Augenhöhe. Ohne mitleidiges Lächeln und ohne chauvinistische Geste, mit der gönnerhaft die abendländischen Werte als krisenfest gepriesen werden.

Die Goethe-Institute in Abidjan, Accra, Addis Abeba, Dakar, Johannesburg, Lagos, Lomé, Nairobi und Yaoundé sowie die von uns geförderten Goethe-Zentren Antananarivo, Harare, Kapstadt, Windhoek und die deutsche Kulturgesellschaft in Maputo arbeiten auch an besonderen Brennpunkten – wie zur Zeit in der Elfenbeinküste oder in Zimbabwe –, und Ländern wie Togo oder Nigeria, die im politischen Umbruch stehen. Sie sind nicht nur darauf ausgerichtet, etwas über Kultur und Sprache aus Deutschland zu vermitteln, sondern auch, nachhaltig in einen Austausch zu treten, von dem auch wir in Deutschland profitieren. Dazu muss das Vorurteil abgebaut werden, spezifisch afrikanische Ausdrucksformen seien Ethnofolklore, ebenso wie sein Gegenstück, Annäherungen an globalisierte Kunstkonventionen bedeuteten den Verlust des Afrikanischen.

Stärker denn je hat man es heute in Afrika mit einer hybriden Situation zu tun, und afrikanische Künstler gehen äußerst kreativ und produktiv mit Spannungen um, von denen ihr Dasein geprägt ist: der vermeintlichen Dichotomie zwischen dem exotischen Afrika und dem zivilisierten Europa, den gegensätzlichen Lebensweisen von städtischer und ländlicher Bevölkerung, Formen des Hybriden, der Transkulturalität, der Be- und Entschleunigung. Nehmen wir die Merkmale dieser globalen Kulturentwicklung ernst, wollen wir uns ihnen wirklich stellen? Es stünde uns gut an, wenn auch wir von Afrika lernen: „Il faut en profiter“.

Der Autor ist Generalsekretär des Goethe-Instituts und leitete zuvor das Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

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