Arabisch-islamische Geschichte : Die Sehnsucht der IS-Schlächter nach dem Kalifat

Die Truppen des Islamischen Staats haben ein neues Kalifat ausgerufen. Doch was ist das eigentlich? Die Sehnsucht nach einem vermeintlich goldenen Zeitalter gehörte schon immer dazu. Kurze Geschichte einer sonst längst abgeschafften Institution.

Andreas Pflitsch
Postkarte aus der Dr. Paula Sanders Collection mit Gräbern der abbasidischen Schattenkalifen in Kairo.
Postkarte aus der Dr. Paula Sanders Collection mit Gräbern der abbasidischen Schattenkalifen in Kairo.Foto: Wikipedia / Lichtenstern & Harari / Paula Sanders Collection, Rice University

Man stellt ihn sich unweigerlich mit einem Turban vor. Harun al-Raschid, der zwischen 786 und 809 von Bagdad aus das Abbasidenreich regierte, wurde in Europa durch die „Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht“ zum Inbild des Kalifen. In der Sammlung streift er mit seinem Wesir nachts inkognito durch Bagdad, um sich ein Bild von den Sorgen und Nöten seiner Untertanen zu machen. Als Musterexemplar des gütigen und weisen Herrschers steht er für das Kalifat im Zenit seiner Macht. Tatsächlich waren die Erzählungen rund um al-Raschid schon zur Zeit ihrer Entstehung Ausdruck der Sehnsucht nach einem untergegangenen goldenen Zeitalter. Die historische Figur wurde idealisiert. Harun al-Raschid wurde als Hedonist und Liebhaber von Trinkgelagen dargestellt, während der wirkliche Kalif ein eher frommer und ernster Zeitgenosse gewesen sein soll, der sich zudem erfolglos mit einem Gegenkalifen herumschlug, der seinen Machtbereich im Osten des Reiches ausbauen konnte.

Am Beispiel Harun al-Raschids zeigt sich, wie Realität und Mythos der Kalifen – die vielen wechselnden Bedeutungen des Titels gehen dem Wortsinn nach auf die „Nachfolger des Gesandten Gottes" (arab., khalifat rasul Allah) zurück – schon immer auseinanderfielen: eine geschichtliche Konstante, gekoppelt mit der Überzeugung, dass früher alles besser war. Es ist die Geschichte einer rückwärtsgewandten Utopie. Mit der Eroberung Bagdads und der Ermordung des Kalifen durch die Mongolen endete 1258 das abbasidische Kalifat – und damit, so will es die gängige Geschichtsschreibung, die Blütezeit der klassischen arabisch-islamischen Kultur. Es folgten, dieser Lesart zufolge, Jahrhunderte des Niedergangs, der politischen Machtlosigkeit und der kulturellen Dekadenz. Das einst mächtige Reich zersplitterte in allerlei Fürstentümer.

Unter dem "osmanischen Joch"

Die Eroberung Ägyptens und Syriens 1516/17 durch Selim I. besiegelte dann das Schicksal der arabischen Muslime. Der osmanische Sultan nahm, nachdem er die Kontrolle über Mekka und Medina errungen hatte, auch den Titel des Kalifen an. Die Araber mussten fortan unter dem „osmanischen Joch“ leben. In Wirklichkeit war die Macht der arabischen Kalifen schon lange vor dem Mongolensturm stark geschrumpft. Der islamische Westen mit Marokko und Spanien blieb nach der abbasidischen Revolution Mitte des achten Jahrhunderts den Umayyaden treu. Der Osten mit Iran und Zentralasien war spätestens Mitte des neunten Jahrhunderts nur noch nominell dem Kalifen in Bagdad untergeben. Und zwischen 969 und 1171 herrschten die schiitischen Gegenkalifen der Fatimiden von Kairo aus über Ägypten und weite Teile des östlichen Mittelmeerraums.

Als das Abbasidenreich von den Mongolen überrannt wurde, war es faktisch ein zerfaserter Verbund lokaler Herrscher, Fürsten und Stammesältester. Selbst im Kernland Irak hatten die Kalifen die Kontrolle verloren, seit sich im zehnten Jahrhundert die schiitische Dynastie der Buyiden als die eigentlichen Machthaber etabliert hatten. Zwar beließen sie die Kalifen zur Stützung ihrer Autorität bei den Sunniten im Amt, lenkten aber als Wesire die Geschicke des Reiches. Die Bedeutung des Abbasidenkalifen beschränkte sich die meiste Zeit auf das Symbolische.

Atatürks Politik ließ keinen Raum für alte, religiöse Institutionen in der Türkei

Portrait des letzten Kalifen Abdulmecid Khan II des Osmanischen Reiches (1923).
Portrait des letzten Kalifen Abdulmecid Khan II des Osmanischen Reiches (1923).Foto: Wikipedia / Library of Congress

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Osmanischen Reiches kamen die Araber vom Regen in die Traufe. Zwar war das „osmanische Joch“ nun Geschichte, doch wurden sie nun zum Spielball europäisch-imperialistischer Machtpolitik. Mustafa Kemal Atatürks republikanische Politik ließ keinen Raum für die alten, religiösen Institutionen in der Türkei. Zwei Jahre nachdem der letzte osmanische Sultan abgesetzt und damit die jahrhundertealte Personalunion von Sultan und Kalif beendet worden war, verabschiedete die türkische Nationalversammlung am 3. März 1924 ein Gesetz, in dessen erstem Artikel es unzweideutig heißt: „Der Kalif ist abgesetzt. Das Amt des Kalifen ist abgeschafft, da das Kalifat im Sinne und Begriff von Regierung und Republik wesenhaft enthalten ist.

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