Kultur : Arabische Komödie

Der Weltbürger von Kairo: zum Tod des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus

Andreas Pflitsch

Er wurde immer wieder als „Balzac Ägyptens“ bezeichnet. Es gibt viele Gründe, warum dieser Vergleich hinkt. Was aber die Bedeutung von Nagib Machfus für die ägyptische und die gesamte arabische Literatur angeht, so ist er nicht zu hoch gegriffen. Als kritischer Chronist seines Landes hinterließ der 1911 als Sohn eines einfachen Regierungsbeamten in Kairo geborene Autor, der 1988 als erster und bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt, ein groß angelegtes Sittengemälde, das man mit Recht als menschliche Komödie bezeichnen kann.

Machfus vertrat einen Liberalismus, der nicht im Gegensatz zum Islam stand, sondern ihm entwuchs, und er vertrat einen selbstbewussten Islam, der ohne dumpfen Abgrenzungsreflex auskam. Als er 1994 bei einem Attentat durch einen Islamisten schwer verletzt worden war, gab er zu Protokoll, dass sich ein „irregeleiteter junger Mann“ auf den Islam berufe, solle uns nicht verleiten, dieses Erklärungsmuster zu übernehmen.

Von einer Zerrissenheit zwischen den Kulturen konnte bei ihm nicht die Rede sein. Die zwischen kritikloser Bewunderung und kompletter Ablehnung des Westens changierende Haltung vieler arabischer Autoren seiner Generation war ihm fremd. Er besann sich auf das Erzählen. Dass er dies auch mit den aus der europäischen Romanliteratur übernommenen Mitteln tat, war für ihn eine Selbstverständlichkeit.

Schon in den späten 1930er Jahren schrieb Machfus seine ersten historischen Romane, die der damaligen Mode des Pharaonismus folgten. Durch den Rückgriff auf die Zeit vor der Islamisierung wollte man eine eigenständige ägyptische Identität begründen. Schon bald aber wandte sich Machfus, dessen Werk auf Deutsch im Zürcher Unionsverlag erscheint, dem realistischen Gesellschaftsroman zu. Mit der „Midaq-Gasse“ von 1947, vor allem aber seiner Anfang der 1950er Jahre entstandenen „Kairo-Trilogie“, die, ähnlich den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, Aufstieg und Niedergang einer Kaufmannsfamilie über drei Generationen verfolgt, begründete Machfus seinen Ruhm. Sein unpathetischer Realismus kam für die arabische Literatur jener Tage, die zwischen der Formelhaftigkeit eines in Konventionen erstarrten Neoklassizismus und einer weinerlichen Empfindsamkeit gefangen war, einer Revolution gleich. Mit dem Staatsstreich der Freien Offiziere um Gamal Abdel Nasser 1952 und den damit verbundenen Umwälzungen kamen Machfus zeitweilig die Themen abhanden. „Als die alte Gesellschaft gegangen war“, erklärte er in einem Interview, „war auch in mir jeglicher Wunsch verschwunden, sie zu kritisieren.“

Nach einer Schaffenspause legte er 1959 mit „Die Kinder unseres Viertels“ eine bis heute wegen angeblicher Blasphemie in Ägypten umstrittene Parabel auf die drei abrahamitischen Religionen vor, die er selbst wiederholt als eines seiner wichtigsten Werke bezeichnete.

In den 1960er Jahren setzte sich Machfus mit den Auswüchsen der allzu rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen unter Nasser auseinander. „Der Dieb und die Hunde“ oder „Das Hausboot am Nil“, deutlich prägnanter und temporeicher als die mit langem Atem erzählten Gesellschaftspanoramen, wurden auch durch Verfilmungen populär. Eindringlich werden die Schicksale derer beschrieben, die am Verlust von Traditionen und Glaubensgewissheiten leiden.

Die vernichtende Niederlage der arabischen Staaten im Juni-Krieg 1967 gegen Israel bedeutete für die ganze arabische Welt eine schmachvolle Ernüchterung. Der postkoloniale Optimismus, dessen Tragfähigkeit Machfus schon zuvor angezweifelt hatte, war damit endgültig Geschichte. Anwar al-Sadat, der Nasser nach dessen Tod 1970 folgte, läutete in den siebziger Jahren mit seiner wirtschaftlichen Öffnungspolitik einmal mehr eine radikale Wende ein. In „Der letzte Tag des Präsidenten“ skizziert Machfus anhand einer kleinbürgerlichen Familie die Auswirkungen dieser abrupten Hinwendung zum ungebremsten Kapitalismus Sadats, der 1981 einem Attentat der Muslimbrüder zum Opfer fiel.

Erniedrigte und Beleidigte bevölkern Machfus’ Romane dieser Zeit, da die Gesellschaft aus den Fugen zu geraten droht und einzig Verhaftungswellen die linke wie die islamistische Opposition in Schach halten. In seinem Spätwerk hat sich Machfus zunehmend mit der arabisch-islamischen Literaturtradition auseinandergesetzt. Das hatte nichts mit Atavismus zu tun. „Die Nacht der Tausend Nächte“ etwa, die mit der 1002. Nacht einsetzende Fortschreibung der „Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht“ oder der allegorische Roman „Die Reise des Ibn Fattuma“ sind Beispiele für eine Anverwandlung der Tradition, die sowohl den Programmen radikaler Islamisten wie konservativer Kulturnationalisten spottet.

Sein Leben, das nun mit 94 Jahren in einem Kairoer Krankenhaus zu Ende gegangen ist, beweist, dass Weltbürgerlichkeit nicht mit einer globalisierten Biografie einhergehen muss. Den Autor, der nie im Ausland lebte und nur ungern reiste, zeichnete eine Weltoffenheit aus, die so manch einen postmodernen Vertreter kultureller Hybridität vor Neid erblassen lassen sollte. Als genauer Beobachter der rasanten Entwicklung Ägyptens beschönigte er weder die Schattenseiten von Verwestlichung und Modernisierung noch verklärte er die im Untergang begriffene Welt. Selbst die Milieuschilderungen der traditionellen Viertel Kairos rutschen nie ins Pittoreske ab.

Dem europäischen Leser sind die Bewohner der „Midaq-Gasse“ deshalb nicht fremder als die der „Lindenstraße“, und auch die Wendeopfer der Ära Sadat haben nichts Exotisches. Eitelkeit, Karrierismus und Opportunismus, die Themen der menschlichen Komödie des Nagib Machfus, sind uns nur allzu vertraut. Ganz nebenbei hebelt Machfus damit alle kulturalistischen Erklärungsmuster aus, die den Islam allein für die Missstände in den arabischen Gesellschaften verantwortlich machen wollen.

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