Kultur : Arabischer Gipfel: Im Schatten der Gewalt

Andrea Nüsse

Manche Dinge brauchen Zeit. In den fünfziger Jahren wurden die ersten Pläne für eine Freihandelszone in der arabischen Welt diskutiert. Doch politische und ideologische Rivalitäten dominieren seit Jahrzehnten das Verhältnis der arabischen Staaten untereinander, so dass wirtschaftliche Überlegungen immer hintanstanden. Dabei dämmert den meisten arabischen Staatschefs im Zeitalter der Globalisierung, dass sie ohne Wirtschaftskooperation nicht vorankommen. Schließlich lassen sich auch ihre Bevölkerungen nicht mehr mit den Schlagworten "Imperialismus" und "Zionismus" abspeisen, wenn es um die miserable Wirtschaftslage in den meisten arabischen Ländern geht.

Und so sollen beim Gipfel in Amman Nägel mit Köpfen gemacht werden: Die für 2007 geplante Freihandelszone soll es schon zwei Jahre früher geben, der innerarabische Handel soll ausgebaut und das Klima für innerarabische Investitionen verbessert werden. Damit dies nicht nur leere Worte bleiben, soll ein Zeitplan her, anhand dessen man dann bei den ab jetzt jährlichen Gipfeltreffen Fortschritte ablesen kann.

Das umzusetzen ist vor allem deshalb schwierig, weil unter den Ländern erbitterte Feindschaften gepflegt werden. Schon bei der Vorbereitung des Gipfels in Amman wurde tage- und nächtelang ausschließlich an Formulierungen gefeilt, die die Kontrahenten Irak und Kuwait gemeinsam unterschreiben können. Doch gerade weil mit einem Ende der Fehde zwischen Irak und den Golfstaaten niemand rechnet, soll der Gipfel zumindest beim Thema Wirtschaft ein Erfolg werden. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak und der jordanische König Abdallah sind dabei die treibenden Kräfte. Sie widmeten dem Thema auch am Dienstag in ihren Eröffnungsansprachen breiten Raum.

Zu tun gibt es viel: Der innerarabische Handel macht bisher nur etwa acht Prozent des Handelsvolumens aus. "In einigen Ländern braucht man zwei bis drei Wochen, um ein Visum zu bekommen. In anderen braucht man eine Einladung, bevor man das Land betreten darf. Das sind riesige Hindernisse für Handelsbeziehungen", sagt die Direktorin des "Jordan Investment Board", Reem Badran. Hinzu kommt, dass die Ausgangssituationen in den Staaten extrem unterschiedlich sind: Während Dubai sich zu einem führenden Umschlagplatz für den internationalen Handel und in ein Boomland der IT-Industrie entwickelt hat, ist man in Syrien stolz darauf, gerade Kreditkarten eingeführt zu haben.

Der Chefredakteur des jordanischen Wirtschaftsmagazins "Rasmal", Saleh Zaitoon, glaubt nicht daran, dass es bald zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum kommen wird. "Aber auf bilateraler Ebene werden die Kooperation und der Abbau von Handelsschranken verstärkt werden", ist sich Zaitoon sicher. So haben immerhin Ägypten, Jordanien und Syrien mittlerweile ein gemeinsames regionales Netz zur Stromversorgung aufgebaut. Zusammen mit Libanon wollen diese Länder eine Gas-Pipeline bauen.

Die Zeit drängt in jedem Fall. Viele arabische Länder wenden sich - enttäuscht vom Desinteresse ihrer Nachbarn an einer Verbesserung der Handelsbeziehungen - Europa, den USA und der Welthandelsorganisation (WTO) zu. Jordanien hat gerade ein Freihandelsabkommen mit den USA geschlossen, vier Staaten haben Abkommen mit der EU, sieben traten der WTO bei. So finden sie sich auf dem Weltmarkt wieder, ohne die Vorteile eines regionalen Wirtschaftsblocks im Rücken zu haben. "Der politische Wille zur Wirtschaftskooperation ist heute da", meint der jordanische Wirtschaftsexperte Fahed Fanek. Eine Rolle haben dabei sicher auch der Zusammenbruch des Friedensprozesses und die Enttäuschung bei vielen über die USA und den Westen gespielt. Der Gipfel will nun sogar das Zentralbüro zum Boykott Israels in Damaskus wieder beleben.

Das Schweigen des Westens angesichts des in arabischen Augen überzogenen Vorgehens der Israelis in Palästina, der Wirtschaftsblockade und der Zerstörung der Infrastruktur hat der arabischen Welt deutlich gemacht, dass sie nicht auf die Intervention des Westens zu hoffen braucht. Die Region fühlt sich allein gelassen. Und so gibt die Entwicklung in Palästina vielleicht den letzten Anstoß, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen - und damit die arabische Welt wirtschaftlich und politisch zu stärken.

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