Kultur : Arbeit ist kein Witz

KERSTIN DECKER

Es gibt, glaubt Joe, gute Schauspieler und erfolgreiche.Joe (Matthew Modine) ist ein guter Schauspieler, weshalb er nie in Serien auftritt, weil man da nichts lernen könne, weshalb er wiederum keine Rollen bekommt, weil er ja noch nie eine hatte, weshalb Joe - wie soll man es nur sagen? - weshalb er also kellnert.Das ist wohl das richtige Wort.Es ist zugleich ein tragisches Wort, denn ein Schauspieler, der kellnert, und nicht mal spielt, daß er kellnert - was ist der wohl? Ein Kellner natürlich.Und eines Tages werden sie kommen, durch einen dummen Zufall, all seine Schauspielerfreunde, ausgerechnet in dieses Lokal...

Nein, das ist zu traurig.Erzählen wir lieber eine andere Geschichte, es gibt ja viele Geschichten in Tom di Cillos Komödie über die New Yorker Film- und Modeszene, und das Schönste ist vielleicht die Art, wie sie miteinander verbunden sind.Reden wir also von Joes Freund Bob.Der spielt in einer Serie mit, die Seifenoper zu nennen wohl eine irreführende, verharmlosende Bezeichnung wäre.Er hat seiner blonden Freundin gerade ein Auge blau geschlagen, als er merkte, daß sie sich die Haare färbt.Denn, so findet Bob, es ist einfach zuviel Schein, zuviel Täuschung in der Welt.Blondinen müssen echt sein.

Bei Tom di Cillo ist auch alles echt.Völlig autobiographisch, sagt er.Man werde als Kellner übrigens kein besserer Schauspieler.Und wir können ihm diese Authentizität ruhig glauben, denn erinnert sich jemand an "Living in Oblivion", seinen vorletzten Film? Das war diese wunderbare Satire auf einen Independent-Low-Budget-Regisseur, gedreht von Tom di Cillo, dem Independent-Low-Budget-Regisseur.Solche Sachen gelingen wohl nur in jener seltsamen Zwischenphase, wenn man noch nicht ganz tot ist, aber auch längst nicht mehr am Leben und die Zeit dazwischen irgendwie rumkriegen muß.Es war eine herrliche Selbstparodie, ein morbider Spaß.Und hatte natürlich die ganze, manchmal so nervende halbdokumentarische Unmittelbarkeit, die diese Independent-Low-Budget-Filme fast immer haben.

Das ist nun vorüber.In "Echt blond" ist alles größer geworden, das Budget, die Geschichte, alles eben.Man erkennt das allein an Steve Buscemi, der in "Oblivion" den verzweiflungsvollen Regisseur spielte, und jetzt zum Hotshot-Clipdirector aufgestiegen ist.Wir sind hier nämlich einfach in einer anderen Welt, einer Hotshot-Clip-Welt sozusagen.

Wie soll man sie nur erklären? Joes Frau Mary zum Beispiel, überhaupt nicht blond (Catherine Keener), ist Visagistin eines sehr wichtigen Fotomodells (die Frau mit dem blauen Auge wegen Haarefärbens!).Mary hat schon zwei Monate nicht mehr mit Joe geschlafen, zum einen, weil der ja meistens kellnert, zum anderen aber, weil sie sich als Visagistin den ganzen Tag die Ansichten des sehr wichtigen Fotomodells anhören muß, was wiederum nicht ohne Auswirkung auf ihre sexuelle Aktivität bleibt.Das Fotomodell klagt über die grauenhafte Oberflächlichkeit der Welt, die ihr, einem sehr spirituellen Charakter, einfach unerträglich sei.Hinterher meldet sich Joes Frau zu einem Karate-Kurs an, Joe aber bekommt die Chance seines Lebens, eine echte Kellner-Chance.Er soll in einem Madonna-Video mitspielen! Natürlich macht es Spaß, sich das anzuschauen.Und wie gut di Cillo die Demütigungen und Selbsterniedrigungen der einen und die Selbstherrlichkeiten der anderen dosiert! Trotzdem sehen wir keine Satire, auch keine Farce.Statt des Sarkasmus des Außenstehenden nun die Ironie des Dazugehörigen.Das ist aufrichtig."Echt blond" ist eine Komödie, und manchmal spürt man da so etwas Laues, Kulissentheaterhaftes zwischendurch.Wie im wirklichen Leben."Echt blond" ist eben ein sehr authentischer Film.

Babylon (OmU), Broadway, Central, Colosseum, Filmkunst 66 1/2, FT am Friedrichshain, Rollberg

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