Kultur : Arbeiten: Bloß keine Panik

Adelheid Müller-Lissner

Was krank macht: Dass Arbeit krank machen kann, ist bekannt. Die klassischen Felder der Arbeitsmedizin sind Lärmbelästigung, Rückenschäden, berufliche Schadstoff-Exposition. In den letzten Jahren haben sich die Arbeitsmediziner verstärkt auch psychomentalen Belastungen zugewandt: Der Sozialwissenschaftler Karl Kuhn, Wissenschaftlicher Leiter am Fachbereich Strategie- und Grundsatzfragen der Dortmunder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, berichtet aber auch von Stress und Ängsten, die Angehörige anderer Berufsgruppen krank machen. Neben Zeitdruck, über den jeder zweite Berufstätige klagt, gehört auch Mobbing dazu. Der Düsseldorfer Arbeitsmediziner Johannes Siegrist schätzt, dass zehn Prozent aller Herzinfarkte durch Stressreduzierung verhindert werden könnten. Auch Magen-Darm-Leiden und Hautprobleme werden oft als psychosomatische Folgen des Drucks am Arbeitsplatz gewertet.

Was Angst macht: Einer Studie der DAK zufolge hat zudem aber auch jeder fünfte Beschäftigte Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. "Viele Menschen geraten dadurch in echte Panik", sagt der Psychologe Heinrich Thomsen aus Itzehoe, der sich auf Projekte zur Gesundheitsförderung und Stressbewältigung für Arbeitnehmer und Arbeitslose spezialisiert hat. Er hat dabei festgestellt: "Es kann auch ein großes Glück sein, arbeitslos zu werden." Denn ein solcher Einschnitt in der Biografie biete die Gelegenheit, die kindliche Abhängigkeitsperspektive abzulegen und sich zu fragen, welchen Sinn man - abgesehen vom Geldverdienen - zuletzt in der Erwerbsarbeit noch gesehen hat.

Wer nicht vermittelbar ist: Oft machen bestehende gesundheitliche Handicaps einen Strich durch die optimistische Rechnung: Ein Viertel der vier Millionen Arbeitslosen sind, wie am Lehrstuhl für Organisationspsychologie der Uni Dortmund ermittelt wurde, wegen gesundheitlicher Einschränkungen nur bedingt vermittelbar.

Wann es riskant wird: Tatsächlich wird der Lebensstil mit Beginn der Arbeitslosigkeit oft riskanter: 75,8 Prozent der Arbeitslosen rauchen, 44,3 Prozent trinken regelmäßig größere Mengen alkoholischer Getränke. Eine deutliche Steigerung gibt es nach Auskunft von Kuhn auch bei der Einnahme von Psychopharmaka: "Viele Ärzte kurieren hier mit dem Rezeptblock an den Symptomen."

Was zu lernen ist: Soziale Unterstützung und die Wiederherstellung des Vertrauens in die eigenen Kräfte wären dabei wichtiger. "Wir können hier von Dänemark und den Niederlanden lernen, wo es individuelles Coaching für Arbeitslose gibt", sagt Kuhn.

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