Kultur : Arbeiten: Ein Menschenrecht

Martin Gehlen

Ohne diese beiden Sätze sähe die Welt heute anders aus. Sie stehen in der Bibel und haben die Grundlage für das moderne Arbeitsethos gelegt. "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", heißt es im Schöpfungsbericht nach der Vertreibung aus dem Paradies. "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", schreibt Paulus in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher. Arbeit als Mühsal - Arbeit als göttlicher Auftrag - Arbeit als Pflicht: Diese sozialgeschichtlichen Impulse haben die westliche Industriewelt mit hervorgebracht.

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Hintergrund: Der Reformplan
Umfrage: Sollen Arbeitsämter privatisiert werden? Für Judentum und Christentum war Arbeit das normale Los des Menschen - nichts Positives, nichts Verdammenswertes - eben das Übliche. Das Leben, so klagt Psalm 90, selbst wenn es gelungen ist, besteht bestenfalls aus lebenslanger Mühe - unterbrochen von einem wöchentlichen Ruhetag, dem Sabbat. Arbeit war selbstverständliche Pflicht jedes Menschen, um sich und seine Familie zu ernähren. Wer essen will, muss arbeiten, war der allgemein akzeptierte Umkehrschluss aus dem Satz des Paulus.

Anders die griechische und römische Antike: Die Athener Bürger unterschieden drei Arten von Tätigkeiten - Politik, Philosophie und Klempnerarbeit. Aristoteles verachtete alle Handwerkertätigkeit als "banausisch, weil sie den Körper in eine schlechte Verfassung bringt und das Denken unruhig und niedrig macht." Solche "Banausen-Arbeit" war Aufgabe von Sklaven, Ackerknechten und Handwerkern. Körperliche Arbeit galt als unfein, als Last und Zwang, unvereinbar mit der sozialen und politischen Stellung freier Menschen. Müßiggang, so empfand es die Antike, hatte keinen negativen Beigeschmack.

Dem Mittelalter stellten sich diese Fragen nicht. Arbeit hieß Überleben. 90 Prozent der Bevölkerung waren Bauern. Jahrhundertelang war es Hauptsorge aller, genügend Nahrung zu produzieren. Ein mittelalterlicher Bauer konnte - wenn es gut lief - aus einem Sack Saatgetreide drei Säcke Ernte erzielen. Heute beträgt das Verhältnis eins zu dreißig. Zwischen 500 und 1800 n. Chr. stieg das reale Pro-Kopf-Einkommen in Westeuropa im Durchschnitt um nicht mehr als 0,1 bis 0,2 Prozent jährlich. Bei diesem Wirtschaftswachstum verbessert sich im Laufe eines Menschenlebens trotz fleißiger Arbeit der Lebensstandard praktisch nicht. Und das Realeinkommen verdoppelt sich nur alle 500 Jahre.

Vor dem Bösen schützen

Die mittelalterlichen Klöster machten dann mit der antiken Geringschätzung von Arbeit endgültig Schluss. Erstmals war Körperarbeit nicht nur Mühsal und Last, sondern wurde umgedeutet zu einem asketischen und spirituellen Wert. Ora et labora, heißt es in den Regeln der Benediktiner - bete und arbeite. Arbeit verband sich mit Hingabe, Berufung und innerem Anliegen, das den Menschen vor den Einflüssen des Bösen schützen sollte. Die Klöster kombinierten die Flucht vor der Welt mit dem Verlangen nach nützlicher Tätigkeit - für die Entwicklung des Arbeitsethos ein welthistorischer Schritt. Arbeiten wurde gewissenhaft, unermüdlich und effizient - viele Klöster kamen dadurch schnell zu enormem Reichtum.

Indem die Reformation dieser neuen Wertschätzung zur Breitenwirkung verhalf, legte sie das Fundament für die Moderne. Nicht nur die Mönche, jeder Christ soll arbeiten mit der Hingabe eines Klostermenschen - so sahen es die Reformatoren Luther und Calvin. Wer arbeitet, führt ein gottgefälliges Leben. Gottes Auge ruht auf seiner Schöpfung, Gott hat das Schicksal jedes Menschen vorbestimmt - daran glaubte vor allem der Calvinismus. Lebenserfolg durch rastlose Berufsarbeit galt als Indikator für göttliche Erwählung - in den Augen von Max Weber die geistige Geburtsstunde des Kapitalismus. Durch die Ethik des Protestantismus wurde harte, methodisch-systematische Berufsarbeit zur "innerweltlichen Askese" und zum gottgewollten Lebenszweck.

Der religiöse Antrieb verschwand

Zwar verblasste die Gottesfurcht durch Aufklärung und Säkularisierung, aber sie machte Platz einem "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit" - wie Weber es formulierte. Der religiöse Antrieb verschwand, die innere Haltung blieb, die jeden seelisch auf systematische, erfolgsorientierte Berufsarbeit ausrichtete. Für Immanuel Kant war Muße nur noch leere Zeit und Arbeit der eigentliche Lebenssinn: "Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben."

Das alte Streben nach göttlichem Wohlgefallen formte sich um zur Suche nach Lebenssinn und menschlicher Anerkennung. Im Unterschied zur Antike ist Arbeit heute der wichtigste innere Bezugspunkt für Erfolg im Leben. Arbeit definiert persönliche Identität und wird sogar zum sozialen Menschenrecht. In der 1949 von den Vereinten Nationen beschlossenen Charta heißt es in Artikel 23: "Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit." Denn Arbeit ist nicht nur Existenzgrundlage und Verdienst, sie ist auch soziale Bindung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. "Hauptsache, du hast Arbeit", ist bis heute ein geflügeltes Wort.

Wie tief diese über Jahrhunderte entstandenen mentalen Prägungen mittlerweile verankert sind, zeigt sich beim Verlust der Beschäftigung. Sie kommt einer persönlichen Katastrophe gleich. "Ich bin eine Niete" oder "es hat alles keinen Sinn, ich habe doch keine Chance mehr", sind Äußerungen, die in Beratungsstellen oft zu hören sind. Der Arbeitslose verliert nicht nur sein Einkommen, sondern auch seine soziale Reputation und seinen Ort in der Gesellschaft. Für die Gesundheit ist Arbeitslosigkeit oft gefährlicher als Arbeit. Depression, Angst, Hoffnungslosigkeit, Reizbarkeit und Schlafstörungen sind ihre Folgen. Viele fangen an zu rauchen und trinken. Viermal häufiger als Erwerbstätige versuchen sich in Deutschland Menschen, die über lange Zeit keine Stelle mehr finden, das Leben zu nehmen. Sie fühlen sich ausgestoßen, weggeworfen und entwertet. Und sie verlieren am Ende den Respekt vor sich selbst.

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