Kultur : Arbeiten von Dieter Detzner: Happy New Bier!

Knut Ebeling

Die Junggaleristin Giti Nourbakhsch war kaum vom Prenzlauer Berg nach Mitte an den Rosenthaler Platz gezogen, die Farbe an den Wänden gerade getrocknet, da tobte auch schon die Berliner Kunstszene über ihren neugelegten und kaum gehärteten Teerboden. Teerfußboden mit dem Monza-Drive gibt es sonst nur an den alleredelsten Adressen. Man muß schon etwas auf sich halten, um sich einen Teerfußboden zu leisten.

Um so cooler, dass Giti Noubakhsch ihn sich gönnt. Die Newcomerin unter Berlins ersten Adressen, die auf Anhieb den Sprung in die Berliner Kunstmesse schaffte, hatte in ihren Räumen in der Christburgerstraße kaum ein Dutzend Ausstellungen gezeigt. Doch statt sich vom Prenzlauer Berg mühsam an Mitte heranzupirschen und im Schweiße ihres Angesichtes in Mitte anzukommen, wenn sich diese längst schon verabschiedet hat, beamt sich Giti Nourbakhsch rechtzeitig zum Kunstherbst mit ihrer Start-Up-Kampagne in eigener Sache gleich in die Mitte von Mitte: Zwischen Waschsalon und Burger-King liegt das neue Quartier, die Auguststraße ist gerade noch in Sichtweite.

Das versammelte Kunstvolk, hungrig nach neuen Kunststernen und durstig nach ungesehenen Aufsteigerkometen, dankte es der couragierten Galeristin redlich und zertrampelte ungefähr eine Million Zigarettenkippen auf dem neuen Teerboden. Gegen Ende der Nacht war der soweit ausgehärtet, dass er es aushielt. Test bestanden, auf in die erste Runde.

Obwohl man nie ganz die geheimnisvollen Gesetze durchschaut, die dafür sorgen, dass ein Ort cool gefunden wird und ein anderer nicht, dass einem ein Name im Vorbeigehen gesagt wird und ein anderer nicht, existiert am Ort des Geschehens doch eine seltsame Evidenz, die einem die Tatsache des Rummels ganz und gar fraglos und unanzweifelbar erscheinen lässt. Die Leute treten dort mit der ruhigsten Selbstverständlichkeit auf, obwohl sie den Tip erst am gleichen Abend erhalten haben. Allen ist klar: das ist heiss - aber keiner weiß warum es so ist.

Vielleicht weiß jeder Besucher um die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass einige Galerien jahrelang für sich werben und alle Redaktionen mit Pressemitteilungen bombardieren können, ohne jemals auch nur Erwähnung zu finden - während andere plötzlich kometenhaft aufsteigen (und vielleicht auch bald wieder verschwinden), ohne jemals ein Briefporto an die Presse verschwendet zu haben. Jedenfalls hatte Giti Nourbakhsch zur Eröffnung noch nicht einmal die Pressemitteilung fertig. Doch scheint diese Ungerechtigkeit, oder vielmehr: Undurchdringlichkeit der Gesetze des Begehrens den Reiz nur noch zu erhöhen. Oder besteht der Reiz vielleicht in seiner Unerklärbarkeit?

Man weiß es nicht. Fakt ist jedenfalls: Das alles hat nicht viel mit Kunst zu tun. Obwohl die Kunst an jenem Eröffnungabend so viel mit dem Ereignis zu tun hatte: Das Eröffnungsvolk versammelte sich vor fünf großformatigen Leuchtkästen, die jeweils eine glamouröse Explosion mit einer Menge Funkenflug zeigten. In Großaufnahme sah man irgendetwas Undefinierbares in die Luft fliegen - tatsächlich jagte der Künstler einen ganzen Gemüsegarten, von Zuccinis bis Gurken und Melonen in die Luft - und belichtete sein Foto durch die Detonation des Chinaböllers. Es handelte sich um D-Böller. Da erinnerte man sich doch gleich an die durch die Luft fliegenden Bananen und Kühlschränke nebst der kompletten Villa, mit denen Michelangelo Antonioni das Restbudget seines furiosen Flops Zabriskie Point im Abspann hochgehen ließ. Doch in der Rosenthaler Straße statt im Death Valley der kalifornischen Wüste, fühlte man sich vor den hochglänzenden Detonationen auf schwarzem Hintergrund dann doch eher wie auf der Sylvesterparty.

Diese Geste genügte. Und in dieser Geste ging der Abend völlig auf. Alles, was man über die Kunst sagen konnte, wurde zur Metapher des Eröffnungsabends und umgekehrt: Die Rede von der glanzvollen, der funkelnden Veranstaltung, von dem hochexplosiven Künstler und dem explosiven Gemisch der Gäste war der ausgestellten Kunst quasi als Beipackzettel mitgeliefert. Man muss schon einen fast marketingmäßig sicheren Instinkt für das Eventgeschäft haben, um auf eine so zündende Idee zu kommen. Das Problem an der Sache ist nur, dass der Kunst mit dem funkensprühenden Event nicht unbedingt gedient ist.

Dem Vernissagenpublikum dafür umso mehr. Man hatte den Eindruck, dass die wenigsten Vernissagengäste sich für den Namen des Detonateurs - er hieß Dieter Detzner - interessierten. Dann schon eher für den Preis für einen Abzug: Zehntausend sollte der Sylvestervorgeschmack kosten. Da kostete man dann doch lieber von seinem Getränk: Happy New Bier!

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