Arbeiten von Karin Sander im Schloss Rheinsberg : Städteporträts der anderen Art

Karin Sander feiert mit ihren ortsbezogenen Kunstwerke die spröde Schönheit der Abstraktion. Ihre Arbeiten sind derzeit in Schloss Rheinsberg zu sehen.

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Schloss Rheinsberg unter blauem Himmel.
Malerisch: Schloss Rheinsberg - einer der beiden Ausstellungsorte.Foto: picture alliance/dpa

Der antike Gott Apoll vertreibt die Nacht. Für die Kunst brechen goldene Zeiten an. Das Deckengemälde von Antoine Pesne, schönstes französisch-friderizianisches Rokoko, schmückt den Spiegelsaal von Schloss Rheinsberg, wo Kronprinz Friedrich zur Querflöte griff. Darunter liegt, auf einem hohen grauen Postament – ein Ei. „Straußenei, poliert“ heißt das Objekt von Karin Sander, das seinem Titel genau entspricht. Ein getrocknetes, mit feinem Schleifpapier spiegelglatt poliertes Straußenei, makellos und formvollendet wie der Stuck der Wände. Das Ei liegt, verrät die freundliche Museumswächterin, ohne Befestigung auf dem Sockel. Schönheit ist zerbrechlich und Ergebnis harter Arbeit. Ein lakonischerer Kommentar ist kaum denkbar in diesem dem märkischen Sand abgetrotzten Märchenschloss.

Städteporträts der anderen Art

Die 1957 geborene, in Berlin und Zürich lebende Künstlerin ist bekannt für ihre ortsbezogenen Interventionen, die den Alltag zum Bestandteil der Arbeiten werden lassen. Seit 2007 lehrt sie Architektur und Kunst an der ETH Zürich. Ihre Rheinsberger Ausstellung bespielt neben dem Spiegelsaal auch die Räume des Kurt Tucholsky Literaturmuseums im Schloss sowie den – nicht zugänglichen – Wirtschaftshof, wo Sander das „Gebrauchsbild (Patina Painting) 172“ unter einem Holunderstrauch installiert hat. Nach zwei Monaten Ausstellungszeit wird die Natur auf der weißen Leinwand ihre Spuren hinterlassen haben.

Im Tucholsky Literaturmuseum liegen elf „Städtebücher“, zwei davon zum Durchblättern geöffnet. In dieser seit 1987 entstandenen Serie füllt Sander die leeren Seiten von Büchern mit Frottagen: ein Buch pro Stadt, die Abriebzeichnungen von Gullideckeln, Lichtschaltern, Wandfliesen, ja sogar PVC- und Teppichböden aus dem öffentlichen Raum enthalten. Sander fertigt die Zeichnungen an Ort und Stelle durch Anhalten des gebundenen Buchs. Ein Städteporträt der anderen Art – und ein Ritual der Achtsamkeit. Ihre Grafit-Frottagen vermitteln zwischen fragiler Erinnerung und geometrischer Präzision – und sind viel mehr als abgepauste Oberflächen. Sander feiert hier die spröde Schönheit der Abstraktion, die immer auch etwas mit dem Dazwischen zu tun hat. Ein Blick aus dem Fenster: Die geometrischen Hecken und Blumenrabatten der Schlossinsel könnten keine schönere Bestätigung sein.
Die Ausstellung ist noch bis zum 28.9 im Schloss Rheinsberg und im Kurt Tucholsky Literaturmuseum zu sehen.

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