Kultur : Arbeitslose Plüschtiere

Christine Wahl

Schlechtes Theater erkennt man zum Beispiel daran, dass man sich im Parkett wie im Fernsehsessel fühlt. Da rollt die weltumspannende Tragödie im kleingeköchelten Mitte-Loft-Format ab, die Konfliktbeladenen beglücken einander mit Sätzen wie: „Wir müssen reden“; und nur wenn man großes Glück hat, entsteht dabei ein wenig Komik – unfreiwillige.

Die gute Nachricht: Manchmal gibt es auch den umgekehrten Fall zu besichtigen; also freiwillig komisches Theater, das sich aus trashigen Fernsehformaten speist. Als Meilenstein darf hier die Soap Leben in Berlin gelten, die Ulrike Dittrich und Andreas Walter jeden letzten Freitag im Monat in Mitte und tags darauf in Kreuzberg präsentieren. Wie der höchste Komplexität versprechende Projekttitel und die Umtriebigkeit in puncto Spielort schon zeigen, handelt es sich um ein Format, das keinen Hauptstädter ausgrenzt. Sprich: Die fahrige Sozialarbeiter-Schildkröte hat in Dittrichs und Walters Pappkarton genauso ihren Platz wie die Hasen-Sachbearbeiterin in Rüschenoptik, der Bärenvater im Kunstlederanzug und natürlich der Protagonist Ralf, seines Zeichens ein blau behostes Stoffschwein mit aktueller Hartz-IV-Depression. Dittrich und Walter casten ihr Personal in (Humana-)Second-Hand-Läden und Kleiderkammern: Kein Darsteller war je teurer als ein Euro, und die Fehlbesetzungsquote tendiert gegen null. Vor Diaprojektionen legendärer Berliner In- und Out-Locations tragen die Igel, Hunde, Raupen und ihre zahlreichen gattungssprengenden Plüschkollegen seit vier Jahren harte Generationskonflikte aus („Vater, es reicht!“), versacken in Beziehungselend („Gabi macht Schluss“) oder enttarnen sich, wie in der aktuellen Folge, selbstkritisch als „00Ralf“ (heute im Post , Brunnenstraße 10, und morgen in der Zeitzone , Adalbertstraße 82, jeweils 21 Uhr). Bei alledem stehen Dittrich und Walter auf Bierkästen neben dem Bühnen-Karton und agieren mit besten Chancen auf den Subtilkomikerpreis gleichzeitig als Darsteller und Puppenspieler. Der Eintritt für die Dreißigminüter ist frei; nicht nur in der aktuellen Arbeitslosigkeitsfolge.

Apropos: Ein viel beschäftigter Charakter ist der ALG-II-Empfänger natürlich auch in der Sitcom Gutes Wedding, schlechtes Wedding (GWSW) im Primetimetheater (Osloer Straße 16, Wedding). Hier greifen sechs Akteure in schätzungsweise sechzig Rollen so lustvoll und politisch unkorrekt in den stadtbezirkseigenen Klischeetopf um Dönerbuden, Vokuhila-Verschnitte und die grenzüberschreitenden „Prenzlwichser“, dass man sich einfach totlacht. Derzeit ist allerdings Sitcom-Sendepause zugunsten eines anderen verheißungsvollen Formats mit gleicher Crew: Im Türkalo-Western „Im wilden Wedding“ (26.-30.1., 20.15 Uhr) wird die Region von durchfallgeplagten Pferden, sächsischen Hexen und eisenbahnbauwilligen „Tusneldas“ heimgesucht.

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