Kultur : Arbeitsmarkt: Nicht zu vermitteln

Carsten Brönstrup

Es gibt Tage, an denen kommt es knüppeldick. Bernhard Jagoda, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit (BA), erlebt derzeit solche Tage. Nicht genug damit, dass er heute die höchsten Arbeitslosenzahlen seit Jahren verkünden muss - knapp 4,3 Millionen Menschen suchten im Januar einen Job. Jetzt muss er sich auch noch vorwerfen lassen, dass seine Arbeitsämter schlecht funktionieren und viel zu wenigen Beschäftigungslosen eine neue Stelle vermitteln. Der Regierung kommt diese Meldung vor den anstehenden Wahlen äußerst ungelegen - Jagoda gerät deshalb unter Druck, und Koalitionskreise fordern bereits seinen Rücktritt.

Eine Prüfung des Bundesrechnungshofes ist Grund für den Ärger. Die Bonner Behörde hatte in fünf der 181 Arbeitsämter untersucht, ob die Vermittler tatsächlich so vielen Menschen einen neuen Job besorgen, wie sie vorgeben. Das Ergebnis: Sieben von zehn Vermittlungen waren in der Datenverarbeitung der Ämter falsch verbucht. "Von den prüfbaren 4487 Vermittlungen waren 1479 zutreffend gebucht, 3008 waren fehlerhaft gebucht", heißt es in dem Bericht.

Mit anderen Worten: Die Arbeitsämter schönen nach Ansicht des Rechnungshofes ihre Statistik. Hochgerechnet auf das Jahr 2001 hätten die Arbeitsämter nicht 3,8 Millionen, sondern nur 1,2 Millionen Leute neu vermittelt. "Tatsächlich konnten die Arbeitsämter weit weniger Stellenangebote besetzen, als die Vermittlungszahlen ausweisen", urteilt der Rechnungshof. "Auch suchten sich erheblich mehr Bewerber ihre Beschäftigungsverhältnisse selbst." Schlussfolgerung: "Eine Überprüfung der Arbeitsmarktpolitik erscheint geboten." Pro Jahr kostet die Arbeitsvermittlung 20 Milliarden Euro.

Tatsächlich werten die Berater Vorgänge als Vermittlung, an denen sie gar nicht mitgewirkt haben. So wird etwa die Löschung eines Job-Angebots auf der Internet-Seite des Arbeitsamts als Erfolg gezählt, ob das Amt beteiligt war oder nicht. Auch wenn es Dritte beauftragt, verbucht das Amt das Ergebnis als eigenen Erfolg. Es ist sogar möglich, Zeitungs-Stellenanzeigen, auf die sich Arbeitslose erfolgreich beworben haben, nachträglich als Arbeitsamts-Offerten zu deklarieren. Grafik: Vermittlung von Arbeitslosen Doch vorsätzliche Fälschung ihrer Statistiken wollen sich die Ämter nicht nachsagen lassen. Ihrer Ansicht nach können die BA-Computer nicht exakt genug erfassen, ob die Vermittler erfolgreich waren. Beispiel: Ein Vermittler bringt einen arbeitslosen IT-Fachmann in einer neuen Firma unter. Der Unternehmer stellt ihn ein, obwohl er kein Stellengesuch an das Amt durchgegeben hatte. Weil der Vermittler aber jede seiner Tätigkeiten im Amts-PC verbuchen muss, gibt er die Anfrage des Firmeneigners nachträglich ein - was er nicht dürfte. "Nicht alle Wechselfälle des Lebens lassen sich in der EDV abbilden", heißt es in Nürnberg. "Würden wir alles erfassen, was wir internen Anweisungen gemäß tun sollen, um Jobs zu besorgen, wären die Vermittlungszahlen höher", verteidigt sich ein Landesarbeitsamt. "Zeitdruck bei großem Publikumsandrang" mit hernach unvollständiger Dateneingabe wird als weitere Ursache fragwürdiger Statistiken genannt.

Aufgaben nicht definiert

Den Vermittlern kommt zugute, dass niemand ihre Aufgabe genau definiert. Auch nicht das Gesetz. Dort heißt es: "Vermittlung umfasst alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Arbeitssuchende mit Arbeitgebern ... zusammenzuführen". "Die Anweisungen an die Mitarbeiter sind zu unpräzise", hat Johannes Jakob, Arbeitsmarkt-Experte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), beobachtet. Um zu klären, wie erfolgreich die Ämter tatsächlich vermitteln, wollen Rechnungshof und die interne Revision der Bundesanstalt weitere 30 Behörden prüfen.

Den Arbeitsämtern kommt die Kritik des Rechnungshofes auch deshalb ungelegen, weil sie die Paradestücke rot-grüner Arbeitsmarkt-Reformen umsetzen sollen, das Job-Aqtiv-Gesetz und den Kombilohn. Beides verlangt viel Beratung, um Stärken, Schwächen und Chancen der Beschäftigungslosen einzuordnen. "Es wird noch dauern, bis alle Ämter dieses Mehr an Beratung leisten können", sagt Günther Schmid, Arbeitsmarkt-Experte beim Wissenschaftszentrum Berlin. Derzeit arbeiten nur 8300 der 90 000 BA-Beschäftigten in der Vermittlung. Das Gros ist damit beschäftigt, Kindergeld und Arbeitslosenhilfe zu berechnen, Schwarzarbeit zu bekämpfen, Sprachkurse zu organisieren oder Jugendliche bei der Berufswahl zu beraten.

Ohnehin versucht die BA seit Jahren, ihr Behörden-Image loszuwerden. "Arbeitsamt 2000" heißt das Konzept, um ein moderner Dienstleister zu werden: Der Arbeitssuchende soll wie ein Kunde behandelt werden, Vermittlung, Beratung und Zahlung von Transfers soll es aus einer Hand geben, Hierarchien verschwinden. Doch die Umsetzung kommt nur schleppend voran: Obwohl die Wandlung bereits 1997 begann, sind erst sechzig Prozent der Ämter umgebaut.

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