Kultur : Arbeitswelt im Wandel: Im Laufwerk

Fatina Keilani

Kürzerfristige Arbeitsverträge

Unternehmen werden künftig nicht mehr alles selbst machen, sondern sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Abteilungen wie zum Beispiel Marketing, Lohnbuchhaltung, Fuhrpark und Teile des Vertriebs werden ausgelagert - bekannt unter der Bezeichnung Outsourcing. Wann immer eine Firma weiteren Sachverstand benötigt, holt sie ihn sich von außen. Das führt dazu, dass Firmen viele Leute nur noch für ein bestimmtes Projekt beschäftigen, sie aber nicht auf Dauer einstellen. Diese Projekt-Arbeiter sind dafür auch frei, an mehreren Projekten gleichzeitig zu arbeiten.

Mehr Eigenverantwortung

Viel mehr Menschen als heute werden deshalb ständig von Projekt zu Projekt ziehen. Dafür müssen sie aktiv neue Jobs akquirieren, sich also ständig wie Unternehmer in eigener Sache selbst am Markt positionieren. Das Geld wird dabei für viele zunächst zweitrangig sein: Ein Projekt wird dadurch attraktiv, dass man dort neue Sachen lernt. Denn dadurch steigt der eigene Marktwert von Job zu Job. Aber wehe, wenn so ein Hochleistungsmensch mal länger krank wird: Das wirft ihn aus dem Lernprozess, er verdient während des Ausfalls gar nichts und steigt mit niedrigerem Wert wieder ein. Eigenverantwortlich muss er sich deshalb auch entsprechend versichern.

Lebenslanges Lernen

Das Zauberwort für die Zukunft heißt Human Resources. Der Mensch und was er kann ist von zentraler Bedeutung für den Erfolg eines Unternehmens. Dabei bilden Unternehmen immer weniger selbst aus; statt dessen holen sie sich den Sachverstand, den sie gerade brauchen, projektweise ins Haus. Das ist am Ende billiger, denn die Firma kann sich die besten Experten mit dem frischesten Wissen aussuchen, ohne sie Jahre später noch bezahlen zu müssen, wenn sie nachgelassen haben. So ist jeder für seine Ausbildung selbst verantwortlich.

Selbst wer einen festen Arbeitsplatz hat, muss sich künftig ständig weiterbilden. Zum einen kann er ohne IT- und Internet-Kenntnisse nicht den Anforderungen genügen, zum anderen wird er in Zukunft Entscheidungen selbst treffen müssen, ohne erst einen Chef fragen zu können. Das Tempo der Geschäftsabläufe wird das erzwingen. Jeder Sachbearbeiter, jeder Ingenieur muss in der Lage sein, in seinem Bereich Entscheidungen zu treffen. Die Mentalität, Fehlentscheidungen auf die eigene Kappe zu nehmen, muss von vielen erst erlernt werden.

Tempo und Leistung sind alles

Je schneller ein Unternehmen reagieren kann, desto besser steht es im globalen Wettbewerb da. Um Prozesse zu beschleunigen, müssen Hierarchien flacher und Arbeitsverhältnisse flexibler werden. In Europa gelten die Deutschen als Schlusslichter bei der Flexibilisierung. Das ist ein Standortproblem, das Jobs kosten kann, wenn Unternehmen in das flexiblere Ausland abwandern. Die Gründe formuliert Wissenschaftler Priddat so: "In Deutschland will man immer alle schonen. In anderen Ländern werden die Aktiven gefördert, die Passiven dagegen weniger gut versorgt als bei uns."

Geteiltes Wissen

Zur Beschleunigung der Produktentwicklung verteilen Firmen ihre Forschungsteams auf unterschiedliche Zeitzonen. Haben die Kollegen in Japan Feierabend, überlassen sie ihre Ergebnisse der Gruppe in Europa, die daran weiter arbeitet und dann alles in die USA weiterschickt. Die Arbeit im Team ist dabei zugleich für den Einzelnen eine Methode, seine Beschäftigungsfähigkeit in anderen Teams weiter zu erhöhen. Das bedeutet aber, dass er sich gegenüber den Teamkollegen zugleich als Konkurrent verstehen und sich unter ihnen profilieren muss.

Neue Aufgaben für Gewerkschaften

Gewerkschaften werden nicht mehr die Angestellten vertreten, sondern die Selbstständigen und so genannten Freelancer, glauben die Wissenschaftler. Die alte Funktion als Schutz- und Trutzburg reiche nicht mehr. Die Gewerkschaften müssten auf Bildungsangebote (neudeutsch: Training, Coaching) umschwenken, um ihre Mitglieder beschäftigungsfähig zu halten. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Schon das derzeit anstehende Problem der Liberalisierung von Arbeitsverträgen birgt einen Grundkonflikt zwischen Wirtschaft und Politik, der heftige Kämpfe der Tarifparteien nach sich ziehen dürfte.

Neue Berufskrankheiten

Nicht jeder ist dem hohen Leistungsdruck gewachsen. Nervöse Leiden und Rückenprobleme werden weiter zunehmen. Den Workoholics und Leistungsträgern droht das andere Extrem: Überarbeitung, Verarmung auf sozialem Gebiet, Verlust von Freundschaften, Burnout. Bis die neuen Krankheiten als Berufskrankheiten anerkannt werden, kann es allerdings Jahrzehnte dauern. Die Staublunge der Bergleute hat etwa 50 Jahre bis zur Anerkennung gebraucht.

Kein fester Arbeitsort

Der Trend zur viel beschworenen Telearbeit geht schon wieder zurück. Viele Telearbeiter haben festgestellt, dass sie sich zuhause wie im Urlaub fühlen und nicht effizient arbeiten. Das ist auch den Arbeitgebern schon aufgefallen. Während hier die Rückkehr in die Büros einsetzt, entstehen an anderer Stelle regelrechte Arbeitsnomaden. Wer als High-End-Worker nur noch projektbezogen arbeitet, braucht eigentlich keine Wohnung mehr, weil er ohnehin ständig in Hotels schlafen muss. Avantgardisten haben schon angefangen, ihre Autos zu Büros mit Satellitenempfang umzurüsten, um auch aus dem Wald oder vom Strand aus ihre Papiere ins Büro schicken zu können.

Kindererziehung abgeben

Der Mangel an qualifiziertem Personal wird sich auch auf die Familien auswirken. Immer mehr Frauen sind gut ausgebildet und wollen arbeiten. Heirat bietet keiner mehr eine zuverlässige Versorgung. Doch Beruf und Familie lassen sich heute noch immer nicht vernünftig vereinen. Die Wissenschaftler erwarten deshalb, dass nicht der Staat das Problem lösen wird, sondern die Unternehmen: Um die Frauen zu halten, weil gute Leute knapp sind, werden Firmen für Kinderbetreuung sorgen. Das Gefühl vieler Frauen, eine Rabenmutter zu sein, wenn sie die Kinder weggeben, halten die Ökonomen für typisch deutsch. "Die Erziehung von Kindern sollte man Profis überlassen. Eltern sind unprofessionell", sagt Priddat. In anderen Ländern gebe es diese Bedenken nicht. Und neu sei das auch nicht: Früher habe man eine Gouvernante und einen Hauslehrer gehabt. Der Vater habe alle paar Wochen einen Termin gemacht, um die Kinder zu sehen, und die Mutter sei abends für eine Viertelstunde gekommen.

Muss also die Familie organisiert werden wie ein kleines Unternehmen? Da zögert der Wirtschaftsmann: "Die rationale Dimension wird hier nicht voll greifen, weil es eben Familie ist."

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