Kultur : Arbeitszimmer mit Aussicht

Neues Bauen in Berlin: Die Metamorphose eines Kreuzberger Gewerbehofes zum Büro-Loft

Jürgen Tietz

Mit der Wiederentdeckung seiner Wasserseite hat Berlin in den letzten Jahren auch ein Stück seiner Industriekultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückgewonnen: Schließlich war die Spree einst die am stärksten befahrene Verkehrsader der Stadt, die Ufer unentbehrliche Umschlagplätze für die angelieferten Waren. Das gilt auch für die Schlesische Straße in Kreuzberg, wo sich nahe der Oberbaumbrücke noch heute Gewerbehof an Gewerbehof reiht. Und während in manchen Hinterhöfen tatsächlich noch produzierendes Gewerbe zu finden ist, sind in die meisten Etagen bereits Dienstleister eingezogen - darunter zahlreiche Architekten. Eine kreative Melange mit Loftatmosphäre hinter schlichten Ziegelfassaden, die sich als die wahren Erben von Schinkels Bauakademie erweisen.

Wie man in einem solchen Ensemble denkmalgerecht weiterbauen kann, haben Georg Augustin und Ute Frank nun auf dem Grundstück Schlesische Straße 28 gezeigt. Mit ihrer Aufstockung einer doppelgeschossigen Remise unterstreichen sie dabei einmal mehr, dass es häufig die kleinen, unaufgeregten Eingriffe sind, die auf ein ganzes Ensemble eine positive Wirkung haben.

Die Remise des 1907/08 errichteten Gewerbehofs, der einst das Warenlager der Firma Reichelt beherbergte, war im Zweiten Weltkrieg beschädigt, das Dach danach nur provisorisch wieder aufgebaut worden. Augustin und Frank, die zuletzt durch den Neubau des Physik-Institutes der Humboldt-Universität in Berlin-Adlershof auf sich aufmerksam gemacht haben, errichteten anstelle des Nachkriegsdachs ein neues Geschoss. Mit seinen gelben Ziegeln orientiert es sich am Bestand, ohne dessen Patina vorzutäuschen. Bekrönt wird die neue Dachlandschaft der Remise von fünf Kuben, die zum Hof hin großzügig verglast sind.

Ansonsten zeigen sie statt Ziegeln eine Verkleidung aus farbig gefassten Aluminiumlamellen, die in den Farben des Steins changieren. Die großen Dachkuben sind geschickt gestaffelt, so dass sie jeweils zu einem der Innenhöfe des Gewerbehofes orientiert sind.

Im Inneren der Remise haben die Architekten ebenfalls mit einfachen aber wirkungsvollen Mitteln gearbeitet: So wurde die Büroetage großflächig mit hellem Birkenholz verkleidet. Der dunkle Asphaltboden entspricht dem industriellen Ursprung des Areals. Zusätzlich wurde durch den Eingriff noch ein Galeriegeschoss gewonnen. Es verläuft auf Höhe der Dachkuben, ohne jedoch unmittelbar an die großen Glasflächen heranzuführen. Dadurch sind die Kuben als Luftraum mit der darunter liegenden, eigentlichen Büroetage verbunden. Das Ergebnis ist eine spannungsvolle Verschränkung der beiden Ebenen zu einem großzügigen und lichten Raum. Einem Arbeitsplatz mit Ausblick auf die historische Berliner Industriearchitektur und weiter bis zur Spree. Die behutsame Annäherung an den Bestand und das Herausarbeiten von Kontrasten bilden so das kunstvoll gestaltete Thema der kleinen Intervention.

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