Arcade Fire in der Wuhlheide : Orpheus und Eurydike im Wunderland

Froh stimmender Weltumarmungspop: Die kanadische Rockband Arcade Fire hat in der Berliner Wuhlheide ein großartiges Konzert gegeben.

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Zum Anschmackten: Arcade Fire in gewohnt schriller Kostümierung bei ihrem Konzert in der Wuhlheide.
Zum Anschmackten: Arcade Fire in gewohnt schriller Kostümierung bei ihrem Konzert in der Wuhlheide.Foto: dpa

Doch, natürlich, eine kleinere zweite Bühne im unteren Zuschauerraum, das gehört sich so für eine Band wie Arcade Fire. Das hier ist schließlich die Parkbühne in der Wuhlheide, nicht irgendein Club, und gut 15 000 Menschen sorgen für ein fast verkauftes Haus. Allerdings dient diese zweite Bühne der kanadischen Band nicht einfach nur als Laufsteg (zumal sie mit der großen Bühne gar nicht verbunden ist), auf dass so viele wie möglich in dem weiten Rund in den Genuss kommen, die Bandmitglieder auch einmal aus der Nähe betrachten oder gar anfassen zu können.

Nein, diese Bühne ist unverzichtbarer Bestandteil der Konzertchoreografie von Arcade Fire. Das beginnt damit, dass ein riesiges, ganz in silber gehülltes und an ein Michelinmännchen oder einen Raumfahrer erinnerndes Wesen das Konzert ansagt; das setzt sich fort mit den Auftritten von einer Tänzergruppe in Anzügen, auf denen das menschliche Skelett nachempfunden ist; und am Ende der Show steht hier zuerst Arcade-Fire-Sängerin Régine Chassagne, um ihrem Lebensgefährten und Bandmastermind Win Butler von ganz weit ganz tief in die Augen zu schauen und mit diesem die Songs „It’s Never Over (Oh Orpheus)“ und „Supersymmetry“ zu singen. Und schließlich folgen ihr die Reflektors, gewissermaßen die gefakte Zweitband von Arcade Fire, natürlich auch kostümiert und dieses Mal mit riesigen, die vier Beatles darstellenen Köpfen, und spielt den Beatles-Gassenhauer „I Want To Hold Your Hand“ mit deutschem Text.

Nah an der Kitschgrenze

Man weiß also an diesem schönen Frühsommerabend überhaupt nicht, wohin mit den Augen und Ohren, soviel Sinnesreize setzen Arcade Fire; man fragt sich natürlich auch, ob dieser ganze Zauber nicht auch ein wenig überkandidelt ist? Die bunt-schillernden Kostümierungen nicht nur der Fantasiefiguren, sondern auch von Butler und Chassange und einigen anderen der Band (wobei das rosafarbene Jackett des einen Keyboarders superschön leuchtet), das Hin und Her zwischen den Bühnen, das wild und bunt flackernde Geleuchte im Hintergrund der großen Bühne? Und erreicht es nicht auch Kitschgrenze, wenn Chassagne und Butler sich als Orpheus und Eurydike anschmachten und dann noch von ihrer Supersymmetrie singen?

Was man aber weiß: Dass das hier ein tolles Konzert ist – und so eine große Bühne das perfekte Spielfeld für Arcade Fire darstellt, sie ist gewissermaßen ihr natürliches Zuhause.

Arcade Fire sind eine Stadionband – und sie sind trotzdem nicht U2 geworden, wie man das früher immer geargwöhnt hatte. Dafür haben sie zu wenig Sendungsbewusstsein, dafür erinnert sich Win Butler vor dem Hit „The Suburbs“ doch lieber daran, wie er als 18-jähriger erstmals nach Berlin kam und wie damals ebenfalls Fußball-WM war; dafür stecken Arcade Fire ihre Energie doch lieber in ebendiesen Maskenball. Und dafür, das ist das allerwichtigste, eignen sich auch ihre Songs nicht. Die haben zwar etwas Hymnisches und laden auch, wie man in der Wuhlheide gut sehen kann, zum Mitklatschen ein; die sind aber doch immer noch zwingend rockistisch und temporeich, mit tollen Melodien und zweifelhaften Spielereien, wenn hier noch eine Geige dazu kommt und dort ein paar Saxofon-Einlagen.

Froh stimmender Weltumarmungspop

Natürlich stammen die meisten Songs von den letzen Alben der Band, von „Reflektor“ und „The Suburbs“. Trotzdem verwundert es, dass von dem Album, das 2007 ihren Durchbruch in Großpop-Sphären bedeutete, „Neon Bible“, nur das sprudelnde „No cars go“ gespielt und „My Body Is A Cage“ gerade mal als Zitat angedeutet wird. Das kirchlich-orchestrale, das Butler, Chassange und Co damals auszeichnete, hat die vielköpfige Band zum Glück aus dem Repertoire gestrichen; es dominiert nun ein gemeinschafststiftender, froh stimmender Weltumarmungspop. Der Hang zur Perfektion dagegen, der ist Arcade Fire geblieben, wie man an diesem Abend nicht nur an der äußeren Choreografie bemerken kann.

Das nachdenklich-melancholische „The Surburbs“ und das nachfolgende, energische „Ready To Start“ bilden wie auf dem Album eine Einheit; der Uralthit „Neighborhood“ wird in zwei verschiedenen Versionen gespielt; und auch eine der Zugaben passt gegen 22 Uhr natürlich wie angegossen: „Here Comes The Nighttime“. Dazu geht ein herrlicher Konfetti-Regen auf das Publikum nieder – auf ein Publikum, das sich schon lange nicht mehr fragt, ob das jetzt Hippies sind oder doch nur ein paar nur leicht spinnerte Indierocker mit dem Zug ins Große, Gefühlige und Groteske. Wieviel Spaß es ihnen selbst gemacht hat, demonstrieren Arcade Fire später noch in ihrem Hotel an der Warschauer Brücke, wo Win Butler Platten auflegt und Teile der Band Coversongs spielen.

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