• Archäologen fördern Überraschungen zu Tage. Das Bild Roms muß teilweise revidiert werden

Kultur : Archäologen fördern Überraschungen zu Tage. Das Bild Roms muß teilweise revidiert werden

Werner Raith

Carmine Cervotti blickt zum Himmel, setzt den gelben Schutzhelm ab und kratzt sich verlegen am Kopf. "Ja,ja," brummelt er, "Sie haben recht. Aber wenn ich mich an das halte, was die da jeden Tag an Neuigkeiten in die Welt setzen, kann ich meinen Job aufgeben." Carmine ist Touristenführer in Rom: Gerade wieder hat einer der Fremdlinge, die er über die Via dei Fori Imperiali führt, Einwände gegen seine Erklärungen zum Trajansforum vorgebracht. Es stimme nicht, dass man den Platz von der Seite des Kolosseums her betreten, habe, nein, gerade umgekehrt: "Das war der Ausgang. Der Eingang lag auf der anderen Seite, zum Marsfeld hin, dort, wo die Trajanssäule steht."

Carmine zieht den Kopf ein. So wie ihm geht es derzeit Dutzenden von Führern in Rom, die Tag für Tag mit neuen Erkenntnissen konfrontiert werden. Auch manch ein Verfasser von schlauen Büchern über die Ewige Stadt hat alle Hände voll zu tun, um mit den sich überstürzenden Erkenntnissen der Archäologen Schritt halten zu können: Seit 1998 die Ausgrabungs-Kampagne begonnen hat, die große Teile der schon einmal freigelegten und auf Befehl Mussolinis durch die Paradestraße "Via dei Fori Imperiali" wieder überdeckten Bereiche der antiken Kaisenforen ans Licht bringt, kommen selbst abgebrühte Ausgräber aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zwar hatte man seinerzeit die Anlagen kartographiert, aber den Zeichnern waren in der Eile offenbar nicht wenige Details entgangen: Einzelheiten, die heute so manche historische Interpretation in Frage stellen. Schon Robert Curtius, damals Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, misstraute den Geometern: "Der Dikatator, dem es nur auf die nächste Demonstration seiner Macht ankam, drängte zur Eile, und die Ausgrabung blieb stecken."

Tatsächlich hat Mussolini alles schleifen lassen, was seine Prachtstraße behinderte. Als ihn ein Kegel aus Backsteinen störte, wurde dieser kurzerhand eingeebnet: Es war der weltberühmte Springbrunnen des Domitian am Kolosseum. So müssen die Historiker heute leisten, was damals versäumt worden war - im Bewusstsein, dass totale Schleifungen von Bauwerken nicht mehr rückgängig zu machen sind. Aber auch jenseits des unwiederbringlich Verlorenen müssen sie sich neu orientieren. Etwa in der Frage des Eingangs. Trajan - der seine Urheberschaft am Forum auf einer eigenen, kürzlich aufgefundenen Inschrift festgehalten hat - wollte ihn im Nordosten. Was die Erkenntnis mit sich bringt, dass der just an dieser Stelle vermutete Tempel zu seinen Ehren genau da nicht gestanden haben kann. Die Archäologen vermuten seinen Standort nun mehrere Dutzend Meter weiter südwestlich. Das aber bedeutet ein Ausbrechen aus der den Römern so heiligen Symmetrie. Vielleicht hat Hofbaumeister Appolodorus bei seinem Entwurf ja doch einmal gegen die römischen Vorgaben gehandelt - schließlich stammte der Mann aus Damaskus und war der Symmetrie-Manie seiner Auftraggeber möglicherweise nicht sonderlich zugetan.

Auch andere Fragen stellen sich neu. Was bedeutet es zum Beispiel, dass Trajan - in dessen Regierungszeit (98-117 n.Chr.) das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreichte - "sein Forum" nicht über den bisher angenommenen Weg über die ehrwürdigen Foren seiner Vorgänger Augustus und Cäsar erreichte, sondern nordwestlich vom Tiberknie her, wo eher der Geldadel residierte? Wollte der aus Sevilla - also der Provinz - stammende Feldherr sich von den bis kurz zuvor regierenden stadtrömischen Herrschergeschlechtern der Julier und der Claudier absetzen? Oder gab es pragmatische Gründe: Das Forum war von riesigen Einkaufspalazzi gesäumt, und da hatte man die geldschwere Klientel aus dem Nordwesten eher im Sinn als das alte Patriziertum auf den südlichen Hügeln.

Die Eingangsfrage bietet nicht die einzige Überraschung bei den Ausgrabungen seit 1998: Neuigkeiten ergeben sich auch für das Friedensforum, das gut zweihundert Meter südlich der Trajansforen lag. Hier hat man, in einem völlig eingeebneten Bezirk, Überreste monumentaler Brunnen und eine Anlage für üppige Zierbepflanzung gefunden. Pollenanalysen ergeben, dass fast ausschließlich Blumen mit purpurroten Blüten verwendet wurden. Warum, ist nicht klar. Auch das Forum Cäsars, das älteste überhaupt, erhält nun mehr Profil. Hunderte von gelbbehelmten Touristen steigen täglich in die teilweise noch unter der Paradestraße liegenden Ausgrabungsstätten und können die ursprüngliche Grandezza dieser ganz der Selbstzelebrierung des ersten Beinahe-Kaisers gewidmeten Anlage bewundern.

Und noch eine Sensation haben die Ausgrabungs- und Renovierungsarbeiten mit sich gebracht: Der weltberühmte Konstantins-Bogen wurde gar nicht für Konstantin gebaut. Bisher war er immer als Monument römischer Dankbarkeit jenem Kaiser gegenüber angesehen worden, der als erster zum Christentum übertrat und diese zur Staatsreligion erhob. Damit ist er auch nicht, wie bisher angenommen, der letzte große Triumphbogen, den die Römer erstellten, bevor die Reichshauptstadt nach Konstantinopel verlegt wurde. Münzfunde auf den Bogensimsen belegen sogar, dass hier bereits in Konstantinischer Zeit renoviert wurde: Der Bogen ist also älter und stammt vermutlich aus dem 2. Jahrhundert, der Regierungszeit Hadrians. Was wiederum die Frage aufwirft, ob Konstantin den Römern am Ende doch nicht so viel wert war, wie die Historikerzunft seit jeher behauptet. Ein gebrauchter Triumphbogen tat es offenbar auch, er wurde einfach mit neuen Fresken versehen.

Fremdenführer Carmine muss sich nun also tagtäglich fortbilden. Zumal die Stadtverwaltung den Wiederaufbau einzelner Mauerstücke und Säulen angekündigt hat, damit ein Eindruck vom Original entsteht. "Dann kennt sich hier keine Sau mehr aus", murrt Carmine. Seit einigen Wochen steckt er deshalb manchen Ausgräbern ein paar Scheine zu, damit sie ihn vorab mit Neuigkeiten versorgen und er die Besucher mit exklusivem Wissen versorgen kann. Richtig perfekt klappt das bisher noch nicht - wie der ungnädige Tourist beweist, der Carmine vor versammelter Kundschaft mit profunder Kenntnis über den Zugang zum Trajansforum blamiert.

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