Archäologie : Die versunkene Stadt

Die historische Mitte wird ausgegraben und ihr Grundriss sichtbar. Was tun mit dem Erbe?

Dieter Hoffmann-Axthelm
Stadtschloss Foto: Petersbild
Mehr als die Verkehrsplanung könnte die Archäologie vorgeben, wie Berlins Zentrum aussehen könnte. Hier Ausgrabungen am...Foto: Petersbild

Berlin nähert sich in Trippelschritten einem lange verdrängten Problem: dass es einmal in der Mitte der Stadt eine Altstadt gab, genauer, zwei Altstädte, die mittelalterlichen Stadtgründungen Berlin und Cölln mit dem Mühlendamm, der seit dem 13. Jahrhundert Ober- und Unterspree teilt. Derzeit wüssten die Berliner einem Touristen kaum zu sagen, wo diese Altstadt tatsächlich gewesen ist und heute aufzusuchen wäre. Der Petrikirchplatz? Terra incognita. Die Marienkirche? Ach so, am Alexanderplatz. Bekannt ist bestenfalls das Nikolaiviertel – das zu zwei Dritteln eine schlecht gemachte Attrappe ist.

Nun meldet sich das Vergessene von sich aus. Jahrzehnte lang ist das alte Berlin unter den leeren Flächen und Hochhauszeilen der DDR-Hauptstadt-Planung verschwunden, inzwischen gibt es jedoch zwei Punkte, an denen sich der Boden vorübergehend geöffnet hat und die Zeugnisse von 800 Jahren Stadtgeschichte wieder ans Licht drängen. Der eine ist der Schloßplatz mit den Resten des Stadtschlosses – und denen des Dominikanerklosters direkt vor dem ehemaligen Staatsratsgebäude. Der andere ist der Petrikirchplatz mit den aufgedeckten Grundmauern der vier Petrikirchen, der ältesten Stadtschule und anderen Gebäuderesten. Rund um die Petrikirchmauern kamen über 2000 Grablegungen einstiger Berliner wieder zum Vorschein.

Gerade hier wird einem aber auch der Widerspruch zwischen der aufgedeckten Cöllnischen Altstadt und einem Straßenneubau, der die Altstadt unter einer breiten Verkehrsanbindung zu begraben droht, schmerzlich bewusst. Das Planwerk Innenstadt hatte sich zwar an einer teilweisen Rekonstruktion des Stadtgrundrisses von Altcölln versucht, was jedoch in den Grabenkämpfen mit dem damaligen Bezirk Mitte und der Verkehrsverwaltung untergegangen war. Die Gertraudenstraße wurde erbarmungslos erhalten, 80 bis 100 Meter breit, haarscharf neben den aufgedeckten Kirchenfundamenten. Und sieht man sich um die Ecke die gerade verschmälerte Breite Straße an: Was für ein erbärmlicher, allein aus den Fahrspuren abgeleiteter Verkehrskanal! Keine Spur mehr von historischer Räumlichkeit, vom Gewachsenen, Menschlichen einer alten Straße.

Am Petrikirchplatz wird man in einer für Berlin ganz neuen Weise auf die Funde eingehen, aber genau daneben bleibt die Straßentrasse, wie sie ist. Keine Verbindung: Auf der einen Seite die alten Steine, die Funde und die Gräber, auf der anderen das Metermaß der Fahrspuren und die Angst der Politik vor den Autofahrern. Da prallen zwei Realitäten aufeinander, und offensichtlich fehlt der Wille, oder eine zündende Idee, zwischen beidem zu vermitteln.

Das macht auch die Schwäche der Archäologie aus. Die ausgegrabene Stadt verlangt eigentlich nach Wiederaufnahme in unser Stadtbild. Aber so, ohne einen planerischen Rahmen, zerfällt sie in eine bloße Masse von Funden, die man in historisches Wissen verwandelt. Dann wird sie hier und da sichtbar belassen, oder wieder mit Grün bedeckt, oder in kleinen Portionen ins Museum gebracht, oder beseitigt, damit anderes gebaut werden kann.

Woran fehlt es? Zumindest in den alten Baufluchtlinien und den exakt vermessenen Parzellen der alten Grundbücher existiert die historische Stadt ja noch – wie real, das zeigten die Restitutionsverfahren. Es ist eine Ordnung, die man auf den ungenutzten oder nur zum Autofahren genutzten Flächen im historischen Zentrum Berlins mit etwas weißer Farbe nachzeichnen könnte. Schon sähe man, worum es geht: Was von der historischen Stadt übrig geblieben ist, sind nicht Gebäude, nicht Objekte, sondern der Grundriss. Er ist alles, was wir noch haben, aber damit haben wir viel: Wo es möglich ist, können wir auf dem historischen Stadtgrundriss bauen, in heutiger Architektur, in heutigen Typologien, aber mit der Möglichkeit, etwas von der verlorenen Räumlichkeit eines mittelalterlichen Zentrums wieder in die Physiognomie und die Zukunft der Stadt einzubringen.

Natürlich geht das nur in Anerkennung dessen, was schon da ist. Wie man historischen Stadtgrundriss und DDR- Moderne zueinander in ein Verhältnis setzt, das war in den neunziger Jahren das Problem des Planwerks Innenstadt. Jetzt haben wir noch eine Variante mehr: die Archäologie. Die einzige Möglichkeit, zwischen Fund und Stadtplan, Archäologie und Straßenbau zu vermitteln, bietet der historische Stadtgrundriss.

Dabei geht es nicht nur um den Petrikirchplatz. Am Molkenmarkt sollen drei neue Baublocks entstehen, ungefähr dort, wo einmal historische Blocks standen. Das Ungefähre ist – wie man aus den Nachkriegsneuanlegungen aus Borken, Düren, Emden, Hannover oder Kassel weiß – der Feind des Historischen. So auch hier: Da die neuen Blöcke für sich entworfen und wie Schmuckstücke in den derzeitigen Stadtplan gesetzt sind, wiederersteht auf diese Weise gewiss nicht der älteste Markt Berlins. Wenn keine Fahrspur auch nur einen Zentimeter verlieren darf, haben wir trotz quasihistorischer Blöcke vor allem eines: die Perfektion der Trasse. Wieder gibt es nur das unvermittelte, banale Nebeneinander von Verkehr und Architektur.

Müssen wir auch am Molkenmarkt auf die Archäologie hoffen? Vermutlich werden die Funde nicht spektakulär genug sein. Anders als am Petrikirchplatz oder beim Judenhof, geht es hier allein um den historischen Stadtgrundriss. Und um die Frage, was Berlin wichtiger ist: das Autofahren oder das historische Gedächtnis. Beides zugleich haben zu wollen, ergibt nur schlechte Kompromisse.

Der Autor ist Architekturkritiker und Stadtplaner und war in den 90er Jahren am Planwerk Innenstadt Berlin beteiligt.

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