Archäologie in Süditalien : Die Welt als Villa und Vorstellung

Der Golf von Neapel gehört zu den schönsten Gegenden der Welt. Vor zweitausend Jahren bauten hier die Römer ihre Landhäuser, heute kommen Touristen. Eine Spurensuche in Sorrent, Pompeji und Castellamare.

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Sehnsuchtsweiten. Das Castello auf Ischia. Foto: Rainer Kiedrowski/p-a/DuMont
Sehnsuchtsweiten. Das Castello auf Ischia. Foto: Rainer Kiedrowski/p-a/DuMontFoto: picture-alliance / DUMONT Bildar

„Als Ingenieur bin ich viel herumgekommen“, sagt unser Vermieter. „Ich war auf allen fünf Kontinenten – das hier aber ist und bleibt für mich das schönste Panorama der Welt.“ Staunend stehen wir auf der Terrasse unserer Ferienwohnung in Sorrent, vor uns erstreckt sich der gesamte Golf von Neapel – von der Insel Ischia über die dicht besiedelten Hänge am Fuße des Vesuvs bis zum Bergrücken bei Vico Equense, über den man die Steilküste von Sorrent erreicht, auf der einzigen, chronisch verstopften Landstraße, die sich dann kurvenreich weiter Richtung Positano und Amalfi windet. Wir sind unterwegs auf den Spuren der alten Römer, die schon vor über 2000 Jahren diese Gegend als idealen Standort für ihre Landhäuser entdeckten.

Die Circumvesuviana, eine Art S-Bahn, die jeden Ort zwischen Sorrent und Neapel abklappert, bringt uns nach Pompeji. Von der Station Villa die Misteri (Mysterienvilla) ist es nur ein kurzer Spießrutenlauf durchs Spalier der Fremdenführer, Souvenirverkäufer und Snackbarbesitzer bis zum Eingang. Dass auf dem weiten Gelände der antiken Stadt viele der bedeutenden Gebäude nicht zu besichtigen sind, wissen wir schon. Stattdessen bewundern wir die mannigfaltigen, fantasievollen Absperrformen: Da gibt es Metalltore, die mit ihren gekreuzten Verstrebungen antiken Vorbildern nachempfunden sind, einfache Gitter, mal massiv eingelassen, mal provisorisch hingestellt, und Holztüren in jedem Stadium der Verwitterung.

Da bricht mit halbhohen morschen Konstruktionen fast schon aufs verbotene Terrain durch, wer sich neugierig vorlehnt, magisch angezogen von einem gut erhaltenen Marmor-Impluvium, da signalisieren rot-weiße Bänder in internationaler Zeichensprache „Kein Durchgang!“, da ziehen sich diese schreiend orangefarbenen Plastiknetze über die Fassade, wie man sie von allen italienischen Endlosbaustellen kennt.

Gegen den letzten, von Silvio Berlusconi eingesetzten Direktor ermitteln Finanzverwaltung und Staatsanwaltschaft, weil er zwar 80 Millionen Euro vom Staat einkassiert hat, damit aber nicht einmal die dringendsten Probleme löste, zum Beispiel, wie das Wasser bei Regenfällen abgeleitet werden kann, damit nicht weitere Mauern unterspült zusammenbrechen. Gerade hat die EU weitere 105 Millionen Euro für das „grande projetto Pompeji“ zur Verfügung gestellt. Wenn sie denn tatsächlich abgerufen werden.

In der Förderperiode 2007 bis 2012 sollten Kultur und Tourismus in den armen süditalienischen Regionen Campania, Puglia, Calabria und Sicilia aus Brüssel mit insgesamt einer Milliarde Euro gefördert werden. Jahrelang wanderte die Planungskompetenz zwischen verschiedenen Institutionen hin und her, ausgegeben wurde nichts – außer für klientelwirtschaftliche Interessen: Eine Tierarztpraxis in Palermo erhielt nach Recherchen der Zeitschrift „L’Espresso“ 91 994 Euro, ein Fußpfleger in Lecce 55 993, in Ragusa flossen 18,6 Millionen in ein Fünf-Sterne-Ressort mit angeschlossenem Golfplatz, die Stadt Castellamare di Stabia baute sich für 50 Millionen Euro aus dem Kulturfördertopf einen neuen Containerhafen. Viele weitere Millionen verfielen, weil keiner sie abrief.

Vom Megaprojekt zur Rettung Pompejis, das in letzter Sekunde für die EU-Beamten erfunden wurde, ist bis auf die Absperrungen, hinter denen niemand arbeitet, noch nichts zu sehen. Die noch offenen Denkmale wiederum sind schutzlos den Touristen ausgesetzt. Wachpersonal zeigt sich nicht. In Ostia Antica, dem Hafen des antiken Rom, sind uns im letzten Sommer immerhin zwei Aufpasser begegnet, allerdings ins private Gespräch vertieft. In der Villa des Kaisers Hadrian bei Rom, die eine doppelt so große Fläche bedeckt wie Pompeji, gibt es 40 Personen, die im Schichtdienst das Gelände kontrollieren.

Unbeobachtet bewegen wir uns auch in Herculaneum, dessen Bevölkerung beim Vesuvausbruch 79 nach Christus in Sekundenschnelle von einer Glutwolke ausgelöscht wurde. Dann überfluteten Schlammmassen die Gebäude, die darum noch mehr vom damaligen Alltagsleben erzählen als die im benachbarten Pompeji. Nur gut 300 000 Menschen kommen pro Jahr hierher, 2,3 Millionen besuchen Pompeji. Dafür gibt es hier mehr Personal im Empfangsbereich. Beim Info-Counter wollen wir wissen, ob denn die zwar geöffnete, aber verwaiste Garderobe in Betrieb sei. Da mögen wir uns mal an der Kasse erkundigen, heißt es. Dort löst sich tatsächlich eine Gestalt aus dem Schatten des Backoffice. Nein, Handtaschen werden nicht zur Bewahrung angenommen, heißt es: Da könnten ja Wertgegenstände drin sein.

Zwei Mitarbeiter balgen sich an der Eingangsschranke um unsere Tickets. Wie in Pompeji darf der Besucher seine Eintrittskarte nämlich nicht selber ins Lesegerät einführen, geschultes Fachpersonal sorgt für die Öffnung der Schranke. Am Stand mit den Audioguides klebt ein großer Zettel: „Bar, Cafeteria und Restaurant geschlossen.“ Auf den geöffneten Merchandising-Shop gibt es keinen Hinweis, nur durch Zufall entdecken wir bei der Suche nach dem WC die Tür mit dem winzigen „Libreria“-Schildchen.

Seit März 2007 sind alle Lizenzen für den Betrieb von Service-Einrichtungen in den nationalen Museen ausgelaufen, einer der schnell wechselnden Kulturminister verfiel zwischenzeitlich auf die Idee, den Ex-Italien-Chef von McDonald’s in die verschnarchte Kulturgüterverwaltung zu schicken, um dort aufzuräumen. Ein 13-seitiges Gutachter der Unternehmensberatung Roland Berger ist dabei herausgekommen, in dem das Pariser Musée d’Orsay als Vorbild für Umstrukturierungen empfohlen wird. Allein der Louvre setzt pro Jahr in seinen Shops 27 Millionen Euro um, die italienischen Museen kommen zusammen auf 40 Millionen. Rund 200 Millionen Euro werden in Deutschland mit Kulturtourismus verdient, in Italien sind es gerade einmal 141 Millionen.

Für das Ausgrabungsgebiet von Herculaneum gibt es übrigens separate Zu- und Ausgänge. Hinein geht es durch einen Tunnel, der steil hinab aufs antike Meeresniveau führt, von dort aus eiern die Besucher über die originalen Katzenkopf-Buckelquader von Haus zu Haus. Selbst mit dem leichtesten Kinder-Buggy wäre man hier aufgeschmissen. Am Ende des Parcours aber empfängt die Besucher eine prächtige Konstruktion mit Brücken, Treppchen und Rampen, erschaffen nach allen Regeln der Barrierefreiheit. „Gefördert durch Mittel der EU“ verkündet eine Edelmetalltafel.

Wir Römer-Fans haben unseren Wissensdurst längst noch nicht gestillt. Wir besuchen das äußerst bescheidene lokale Museum von Piano di Sorrento, wir fahren ein zweites Mal nach Pompeji. Nur zur Villa Oplontis, wegen ihrer Pracht Neros zweiter Kaisergattin Poppea zugeschrieben, trauen wir uns nicht. Der Reiseführer erklärt, es gäbe sonst wirklich keinen Grund, hier in Torre Anunziata auszusteigen – und warnt gleichzeitig vor Taschendieben. Als auch der Kellner in unserem Sorrentiner Lieblingsrestaurant die Stirn runzelt und etwas von „obskurer Gegend“ murmelt, geben wir den Plan auf. Aber die beiden Landhäuser, die man erst vor wenigen Jahren in Castellamare, dem antiken Stabia, ausgegraben hat, die wollen wir unbedingt sehen. Am Bahnhof, sagt der Flyer der Soprintendenza Archeologica, brauche man nur einen roten Bus Richtung Varano-Hügel zu nehmen. Der Stationsvorsteher allerdings ist völlig ahnungslos. Im Bäckerladen weiß man immerhin, wo der Bus abfährt: 50 Meter die Straße hoch, bei der Parfümerie. Eine Haltestelle gibt es dort nicht, geschweige denn einen Fahrplan. Aber die Duftverkäuferin bestätigt, dass man hier stehen bleiben und dem Bus winken solle. Als schließlich einer naht, ist es der falsche. Nun ja, sagt der Busfahrer, eine Linie nach Varano gebe es schon. Einfach mal weiter warten.

So richtig wohl fühlen wir uns hier nicht, vor allem wegen der drei Männer mit Sonnenbrillen, die scheinbar beschäftigungslos an der Hauswand gegenüber lehnen und uns fixieren. Dann probieren wir es eben morgen mit dem Mietwagen! Noch bevor wir von der Bergstrecke ins Stadtgebiet von Castallamare einbiegen, erbricht sich unser Siebenjähriger durchs Autofenster. Jetzt nicht schlappmachen! Auf Höhe des mit EU-Kulturgeld hochgezogenen Containerhafens entdecken wir einen ersten Hinweis zu den „Ausgrabungen“! Unmöglich, sich in dem Häusermeer zu orientieren. Ein weiteres Schild finden wir noch, dann nichts mehr. Plötzlich sind wir auf der Umgehungsstraße nach Neapel. Todesmutig in einer Kurve gewendet, von der anderen Seite hinein ins Straßengewirr: Wieder bricht die Wegführung nach zwei Schildern ab. Das Kind übergibt sich ein zweites Mal.

„Wir haben alles hier“, hatte unser Vermieter im Abendsonnenlicht auf der Terrasse gesagt. „Das ideale Klima, die traumschöne Natur, die Altertümer, das gute Essen. Perfekt für einen Urlaub. Aber hier zu leben: Das ist ein Albtraum.“

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