Archäologie : Klein-Stonehenge bei Magdeburg

Sensation bei Ausgrabungen in Pömmelte: Archäologen entdeckten eine rund 4.000 Jahre alte Kultstätte, die an Stonehenge erinnert. Für die Wissenschaft ist dies ein Schlüsselfund für die Erforschung des dritten Jahrtausends vor Christus in Europa.

Thomas Schöne,Catherine Simon[dpa]
Pömmelte
Noch nicht viel zu erkennen: Die Kultstätte bei Magdeburg soll dem magischen Stonehenge ähneln. -Foto: dpa

Pömmelte/MagdeburgKlein-Stonehenge, nur ohne Steine: Archäologen graben in Pömmelte bei Magdeburg (Sachsen-Anhalt) eine bronzezeitliche Kultstätte aus, die ähnlichen Zwecken diente wie das berühmte steinerne Bauwerk in England. "Das ist ein Schlüsselfund für das dritte Jahrtausend vor Christus. Denn damit ist klar, dass es diesen Typ von Anlagen auch auf dem Kontinent in Mitteleuropa gab", sagte Forschungsleiter Francois Bertemes von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die kreisrunde Anlage in Pömmelte ist vor rund 4250 Jahren entstanden und wurde 250 Jahre lang unter anderem für Opfer- und Totenrituale genutzt. Womöglich berücksichtigte ihre Bauweise auch astronomische Prinzipien. Der Unterschied zu Stonehenge ist, dass die Anlage bei Magdeburg nicht aus Steinen, sondern aus Holz gebaut wurde. Überirdisch ist davon jedoch nichts mehr erhalten. Archäologen entdeckten Umrisse des Baus mit einem Durchmesser von 115 Metern im Jahr 1991 bei Beobachtungsflügen.

Ein Fund von Weltrang

In der Anlage sind Erdwälle, Gräben und Palisaden kreisförmig um eine gemeinsame Mitte angeordnet. "Die Kreise sind wie mit dem Zirkel gezogen", sagt Bertemes. In großen, unregelmäßigen Abständen standen Pfosten mit bis zu 30 Zentimetern Durchmesser. Der Bochumer Astronom Wolfhard Schlosser schließt von der unregelmäßigen Pfostenstellung auf Markierungen von kultischen Feiertagen. Einer dieser Kulttage würde dem heutigen 1. Mai entsprechen.

Archäologen messen der Kultstätte ähnliche Bedeutung bei wie der 3600 Jahre alten Himmelsscheibe von Nebra. Dieser 1999 ebenfalls in Sachsen-Anhalt entdeckte Schatz zeigt Sonne, Mond und Sterne als Gold-Ornamente auf einer Bronzescheibe und gilt als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Wie die berühmte Himmelsscheibe lässt die Anlage in Pömmelte Rückschlüsse auf rituelle Praktiken der Menschen dieser Zeit zu.

Opfer- und Totenrituale

"Auf dem Grund des Ringgrabens fanden wir 17 kreisrunde Deponierungsgruben mit Weihegaben", erzählt Grabungsleiter André Spatzier. In einer Grube wurde ein etwa sechsjähriges Kind begraben, in den anderen lagen Schädel und deren Reste sowie tierische und menschliche Knochen von Kindern und Jugendlichen. Aber auch etliche Trinkgefäße, Steinbeile und Reibesteine zum Mahlen von Getreide lagen in den Gruben. Außerhalb des Kreisgrabens wurde ein Mann - vermutlich ein Herrscher - mit Statussymbolen wie Streitaxt und Flintbeil begraben. Auch das geheimnisumwitterte Stonehenge im Südwesten Englands war neuesten Untersuchungen zufolge über Jahrhunderte als Begräbnisstätte genutzt worden. Es wurde zwischen 3100 vor Christus und etwa 2000 vor Christus errichtet.

Francois Bertemes erforscht die Anlage in Pömmelte im Rahmen des weltweit größten Forschungsprojektes zur Bronzezeit. Die Kosten betragen rund fünf Millionen Euro. Das Projekt mit dem Titel "Der Aufbruch zu neuen Horizonten - die Funde von Nebra, Sachsen-Anhalt, und ihre Bedeutung für die Bronzezeit Europas" war 2005 gestartet worden.

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