Kultur : Archipel Gulaschkanone

Wie lebten sowjetische Soldaten in der DDR? Eine Fotoausstellung im Museum Karlshorst sucht Antworten

Jens Mühling

In Russland läuft man ihnen oft über den Weg: Männern zwischen Mitte 30 und Mitte 90, deren Augen leuchten, wenn das Wort „Deutschland“ fällt. Wärmstens schwärmen sie von „Wjunsdorf“ oder „Challe“, mühsam graben sie halb vergessene deutsche Wörter aus, seufzend erinnern sie sich an seltene Einblicke in den Lebensalltag der DDR, der manchen im Vergleich mit dem der Heimat so luxuriös vorkam.

Wie viele Sowjetbürger es waren, die ihren Militärdienst bei der „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (kurz „Westgruppe“) leisteten, weiß niemand genau. Der Militärhistoriker Jan Foitzik geht von mehr als zehn Millionen Menschen aus, die zwischen 1945 und 1994 jeweils zwei bis drei Jahre in der DDR verbrachten. Bestätigte Zahlen gibt es erst für das Jahr 1991: Knapp 340 000 Militärangehörige sowie 210 000 Zivilangestellte und Familienangehörige, darunter 90 000 Kinder, verteilten sich damals auf 777 Kasernenanlagen in der gesamten DDR – ein gewaltiges Archipel isolierter Sowjet-Enklaven, deren Bewohner meist so wenig vom Leben in der DDR wussten, wie der gemeine DDR-Bürger Einblick in den Alltag der Kasernen hatte.

Militärhistoriker wie Foitzik vermuten, die totale Abschottung der Truppen habe unter anderem ungewollte Vergleiche zwischen der Versorgungslage in Deutschland und der Sowjetunion verhindern sollen – denn wie der russische Kriegsberichterstatter Konstatin Simonow bemerkte, war gerade für Armeeangehörige „der Kontrast zwischen dem Lebensniveau in Europa und unserem (...) ein moralisch-psychologisches Trauma (...), das, obwohl sie doch Sieger waren in diesem Krieg, von ihnen so leicht nicht zu verwinden war“. Eine andere Auslegung besagt, nur durch rigide Abschottung der Kasernen habe man die gewalttätigen Übergriffe sowjetischer Soldaten auf die ostdeutsche Zivilbevölkerung, die auch nach Kriegsende nicht abrissen, einigermaßen in den Griff bekommen können. Ganz gelang diese Isolierung freilich nie: Legendär sind unter ehemaligen Anwohnern der Kasernen die Geschichten von sowjetischen Soldaten, die zur Aufbesserung ihres kargen Solds Benzin und Ausrüstung aus Armeebeständen an deutsche Zivilisten verscherbelten.

Bis heute sei jedoch wenig Genaues über die Lebensumstände der sowjetischen Militärangehörigen bekannt, sagt Margot Blank, kommissarische Leiterin des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst. „Es ist ein schwieriges Thema, weil die zentralen Informationen in russischen Archiven liegen.“ Umso erhellender ist die Fotoausstellung, die derzeit in einem Nebenraum des Museums gezeigt wird: Aus einem Fundus von über 20 000 Negativen des Militärfotografen Wladimir Borissow, der von 1990 bis zum Truppenabzug 1994 im Auftrag des Oberkommandos arbeitete, hat Blank exemplarische Einblicke in den Alltag der Soldaten zusammengestellt.

Kannte man bisher fast nur Bilder inszenierter Aufmärsche, so werden hier erstmals Ausschnitte des sowjetischen Kasernenlebens sichtbar: etwa die riesigen Schlafsäle, in denen jeweils 50 bis 120 Mann auf schmalen Stahlpritschen untergebracht waren. Auch das Kulturleben der Kasernen, das offenbar die „Isolierung von den zersetzenden Einflüssen des dekadenten Westens“ kompensieren sollte, ist Motiv der Bilder: Ein schmalzgelockter Rekrut bearbeitet konzentriert seine E-Gitarre, bei der Neujahrsfeier in den Redaktionsräumen der Truppenzeitung „Erbe des Sieges“ wird vorsichtig umschlungen getanzt. Russische Grundschüler, geboren in der DDR, brüten in Kasernenschulräumen über dem kyrillischen Alphabet, Offiziersfrauen prüfen kritisch das Warenangebot in den Lebensmittelläden der Stützpunkte.

Auch den Truppenabzug dokumentieren die Bilder. Trauer steht da manchem ins Gesicht geschrieben: Wie hätten sie auch ahnen können, dass ihr Inselreich das Festland überleben sollte? Denn als die Militärs 1994 heimkehrten, war die Sowjetunion längst selbst zum Archipel zerfallen. Auf 15 neue Länder verteilten sich die Rückkehrer, und viele, die damals die Spur ihrer Kameraden verloren, suchen sich heute gegenseitig in Internetforen – mit Einträgen wie „Garde-Panzerregiment Zerbst: Wo seid ihr?“

Verschollen ist zum großen Bedauern von Ausstellungskuratorin Margot Blank auch Wladimir Borissow, der Militärfotograf. Er, dessen Name in Karlshorst auf Katalogen und Plakaten prangt, hatte seine Bilder 1994 dem Medienpädagogischen Zentrum Brandenburg übergeben, von dort übernahm sie das Museum. Borissow hinterließ eine Kontaktadresse in der Ukraine, dort verliert sich seine Spur. Von der Ausstellung weiß er nichts.

Russischer Soldatenalltag in Deutschland: bis 1. März 2009 im Museum Karlshorst, Zwieseler Str. 4, Di - So, 10 - 18 Uhr.

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