Architekt David Adjaye im Haus der Kunst : Spiel mit Licht und Schatten

David Adjaye, ein englischer Architekt mit ghanaischen Wurzeln, präsentiert im Münchner Haus der Kunst sein Ideal von globaler Architektur:

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Das Nobel-Friedenscenter in Oslo mit der Installation "Weltportal" des britischen Künstlers David Adjaye.
Das Nobel-Friedenscenter in Oslo mit der Installation "Weltportal" des britischen Künstlers David Adjaye.Foto: Nils Petter Dale

Mit David Adjaye stellt das Münchner Haus der Kunst einen der bemerkenswertesten Architekten der internationalen Szene vor. Geboren als Sohn ghanaischer Diplomaten in Tansania und 1979 nach London übergesiedelt, wo er Architektur studierte, verkörpert er das Idealbild einer global society, die heute eher in London als im vermeintlichen melting pot New York ihren Hauptort gefunden hat. Die geografische Verteilung seiner Bauten und Entwürfe reicht von London bis Nordamerika auf der einen, bis Moskau oder auch Qatar auf der anderen und bis Afrika auf einer dritten Seite.

Begonnen hat Adjaye um das Jahr 2000 mit Privathäusern für befreundete Künstler und Sammler. Doch schnell wuchs das Spektrum seiner Bauten und Entwürfe über den Bereich gut dotierter Wohnhausarchitektur hinaus. Furore machte er mit seinen Bibliotheksbauten, die er in rascher Folge für London undanschließend die US-Hauptstadt Washington entwarf. Und in Washington ist sein bislang größtes Projekt im Bau: das National Museum of African American History and Culture, das die Smithsonian Institution auf dem letzten freien Platz an der symbolischen Mall errichten lässt.

David Adjaye gelingt es, Menschen einzuladen

In diesem Museumsbau mit veranschlagten Kosten von einer halben Milliarde Dollar kann Adjaye seine Erfahrung mit ineinander verschachtelten, nicht- hierarchisch gegliederten Räumen ausspielen, gefasst in einen ausladenden Bau. Der sitzt auf einem quadratischen Grundriss und weist drei Obergeschosse für die Museumspräsentation auf, gekrönt von einem Staffelgeschoss für die Verwaltung. Das Überraschende ist die Fassade, die dreifach übereinander auskragt und in dem so jeweils zwischen den Geschossen entstehenden Schlitz das Licht der in Washington hoch stehenden Sonne gewissermaßen einsaugt. Noch überraschender die ornamentale Verkleidung der Fassade mit metallenen, in einer Art Blumenmuster gestalteten Vorhängen. Im Inneren des Museums sind die eigentlichen Sammlungsräume freilich tageslichtfrei, was die enorme Raumtiefe des Bauwerks erklärt.

Das Spiel mit Licht und Schatten wie auch mit Zugänglichkeit und Abgeschlossenheit bildet ein Grundmuster der Architektur Adjayes. Es gelingt Adjayes Bauten – so den als „Idea Stores“ bezeichneten Bibliotheken in sozial problematischen Bezirken des Londoner Ostens –, Menschen einzuladen, ohne sie in ihrer räumlichen Orientierung zu bevormunden, und Orte des Austauschs zu schaffen, idealtypische öffentliche Räume.

Adjaye hat sich intensiv mit den urbanen Strukturen Afrikas beschäftigt und sage und schreibe 52 der 54 Hauptstädte des Kontinents bereist, um der Eigenart der weitgehend ungeplanten Zentralstädte auf die Spur zu kommen. Davon zeugt eine auf mehrere Monitore verteilte Endlos-Diavorführung, darauf beruhen die planerischen Vorschläge, die Adjaye für mehrere afrikanische Städte bereits geliefert hat. Doch gerade die überzeugen nicht recht.

Okwui Enwezor holte Adjaye nach Venedig

Rechtwinklig sich kreuzende Straßenachsen, Trennung der Funktionen, blockhafte Aufreihung von Gebäuden – das Vokabular, das afrikanische Potentaten allzu gerne von den früheren Kolonialmächten übernehmen, ist den Plänen Adjayes nicht fremd. Am besten ist er, wo er seiner hybriden Architektur ohne ideologischen Überbau freien Lauf lässt. Der Entwurf für das Museum der Sklaverei in Cape Coast/Ghana kommt ohne historisierende Zitate aus und könnte ebenso gut ein Kunsthaus in Europa beherbergen. Das im nordenglischen Wakefield als „Markt“ über den variablen Ständen aufgespannte Dach ist ein vielfach verwendbarer Wetterschutz. Das im vergangenen Jahr fertiggestellte Apartmenthaus von Sugar Hill in Harlem ist mit der rhythmischen Staffelung der Obergeschosse über einem grundstücksbreiten Sockelbau und der eleganten Ornamentierung der Fassaden aus Betonfertigteilen ein Musterbeispiel urbaner Architektur. Das Mäntelchen des „Sozialen", das sich Adjaye gern umhängen lässt, trifft auf diesen Vorzeigebau allerdings kaum zu.

Die Ausstellung versammelt neben meist großvolumigen Modellen an den Wänden das, was Adjaye Storyboard nennt: Skizzen, Pläne, Fotografien zu den einzelnen Projekten, die vor allem den viel beschworenen Kontext sowohl topografischer als auch historischer Art darstellen sollen. Da berührt sich die Inszenierung mit mancherlei Installationen der Gegenwartskunst, insofern eine „Erzählung“ angeboten wird. Wohl darum auch hat Okwui Enwezor, der Leiter des Münchner Hauses der Kunst, den Architekten für die Gestaltung der zentral bespielten Räume der kommenden Kunstbiennale von Venedig eingeladen. Mit Enwezor als Leiter der Biennale und Adjaye als ihrem Innenarchitekten wird die 54. Biennale so global ausgerichtet sein wie wohl noch nie zuvor.
München, Haus der Kunst, bis 28. Juni. Katalog in engl. Sprache, 39 €.

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