Kultur : Architekt einer ruhelosen Zeit - Erstmals wird sein Gesamtwerk vorgestellt

Bernhard Schulz

Wie viel Aufwind die Vertreter einer traditionsbewussten Architektur in den vergangenen Jahren auch bekommen haben mögen: Die Forderung nach einer Rückkehr zum Historismus blieb bislang ungehört. Die Architektur des Historismus, die im weitesten Sinne die Verwendung und Kombination von Elementen und Formen früherer Baustile in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts meint, ist und bleibt erledigt.

Und dennoch findet sie fallweise mehr als nur wissenschaftliches Interesse. Als der Abriss der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auch nur erwogen wurde, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Die Ruine blieb - wenn auch um einige Bauteile "bereinigt" - stehen, seit 1960 allerdings ergänzt um den bekannten Neubau von Egon Eiermann, der das Bauwerk zu einem Mahnmal, einem memento belli umdeutet.

Die Gedächtniskirche ist das heutzutage bekannteste Bauwerk von Franz Heinrich Schwechten. Sein bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs meistgenutztes Gebäude, der Anhalter Bahnhof, fiel der Spitzhacke ebenso zum Opfer wie zahllose weitere, beschädigt durch den Krieg gekommene Bauten. Schwechtens Name wird heute mit keinem zusammenhängenden µuvre mehr verbunden. Dem Architekten ist jetzt eine Monografie in der Edition Axel Menges gewidmet, wie immer in dieser Reihe hervorragend bebildert, aber in der Knappheit des Textes nur ein erster Schritt zu einer umfassenden und durchaus berechtigten Würdigung.

Schwechten, 1841 in Köln geboren, aber bereits zum Studium nach Berlin gekommen, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1924 lebte, hatte enormen Erfolg - und so entstanden seine Bauten in der Mehrzahl im Zentrum der Stadt und gingen mit diesem unter. Aus der Ahnengalerie vorbildlicher Architekten ist Schwechten ausgeschieden, nicht erst nach 1945, sondern bereits nach 1918. Zu nahe stand er dem wilhelminischen Repräsentationsstil, ja, er war einer seiner Protagonisten.

Und doch stand Schwechten zugleich auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, wie das ganze "ruhelose Reich", als das Michael Stürmer die Ära Wilhelms II. charakterisiert hat. Gerade aus dieser Ruhelosigkeit resultierte ein Großteil der Aufträge, die Schwechten erhielt, nachdem er gegen 1890 zu einem der Lieblingsbaumeister des sprunghaften Monarchen, ja, wie Peer Zietz schreibt, zum "Günstling" aufgestiegen war. Vor allem Kirchen baute Schwechten, in Berlin und verschiedentlich in Preußen, und als Höhepunkt kaiserlicher Gunst gar ein Schloss in Posen, das als Hauptstadt der gleichnamigen Provinz mit ihrer polnischen Bevölkerungsmehrheit einen Brennpunkt künftiger Konflikte bildete. Die Nähe zum reaktionären Kaiser ließ stilistische Neuerungen nur in Maßen zu. Wenn man den Abstand bezeichnen will, der Schwechtens Historismus von der anbrechenden Moderne trennt, muss man nur seine Bauten von 1894 bis 1907 für die AEG in Wedding - das Fabrikgebäude in der Ackerstraße ist erhalten, ebenso das putzige Werktor an der Brunnenstraße - vergleichen mit denjenigen, die wenige Jahre darauf Peter Behrens schuf, wie etwa die Turbinenhalle in Moabit.

Dabei gelang ihm mit dem "Haus Potsdam", dem unter seiner 1915 eingeführten Bezeichnung "Haus Vaterland" berühmt gewordenen Haus am Potsdamer Platz, ein durchaus den Zeitstrebungen gemäßes Bauwerk. Doch das Skelett aus Eisenstützen, das die riesigen Säle dieses urban entertainment center überhaupt erst ermöglichte, blieb hinter konventionellen Verkleidungen weitgehend verborgen, wie ja schon der Anhalter Bahnhof - entstanden 1871/80 in Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Heinrich Seidel - den Zwiespalt zwischen Konstruktion und Dekoration vorführte.

So stellt sich beim Blick auf die zerstörten, beseitigten, bestenfalls nur entstellten Bauten zwar die Empfindung eines schmerzlichen Verlustes ein, aber auch die einer in prachtvoller Äußerlichkeit sich erschöpfenden Virtuosität. Die Bedeutung der Schwechtenschen Bauten lag nicht so sehr in ihrer architektonischen Qualität, als vielfach in ihrer stadträumlichen Lage. Die Fähigkeit zur urbanen Raumbildung allerdings ist nahezu vollkommen untergegangen, und es ist nicht zuletzt diese Qualität, die die Berliner Gedächtniskirche noch als Torso so unverzichtbar macht.

Mit der vorliegenden Monografie ist erstmals Gelegenheit, das Werk Franz Schwechtens überhaupt wieder ins Bewusstsein zu rufen. Der Abstand zum Historismus wird dadurch nicht geringer, aber es wächst das Verständnis für die gesellschaftlichen Bedingungen dieses Festtagsstils inmitten einer ruhelosen Zeit.Peer Zietz / Uwe H. Rüdenburg: Franz Heinrich Schwechten. Ein Architekt zwischen Historismus und Moderne. Edition Axel Menges, Stuttgart 1999. 120 Seiten, 128 Mark.

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