Kultur : Architektur 2000: Event ist nicht alles

Bernhard Schulz

Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), hinter dessen Signum sich die frühere Bundesbaudirektion verbirgt, lädt stilvoll ins Berliner Neue Museum. Die politischen Bauaufgaben verlagerten sich zunehmend auf die kulturellen, bilanziert BBR-Chef Florian Mausbach zur Vorstellung des Jahrbuchs "Bau und Raum".

Damit liegen alle drei wichtigen Architekturjahrbücher des Herbstes druckfrisch vor - und ein weiteres Mal nimmt Berlin einen herausragenden Platz ein. Die Bauten der Bundesregierung sind weitgehend in Betrieb, Auswärtiges Amt und Verkehrsministerium erfahren als spannungsvolle Verbindungen von alter und neuer Substanz in "Bau und Raum" nochmals Würdigung. Daneben aber kündigt sich mit einer ausführlichen Darstellung der Vorhaben auf der Museumsinsel der endgültige Wechsel zu den kulturellen Aufgaben an. Und zu den denkmalpflegerischen an Stelle der reinen Neubautätigkeit: So hat das BBR mit dem einstigen Postscheckamt in der Dorotheenstraße den Fall einer Rekonstruktion vorliegen, die das historische Erscheinungsbild originalgetreu wiedererstehen ließ. Die Bedeutung dieser Rekonsturktion ist nicht zu unterschätzen.

Die interessantesten, zumindest aber meistdiskutierten Bauten des Jahres 2000 in Deutschland indes sind der Kultur zuzurechnen: die der Expo in Hannover. Viele, aber nicht alle waren temporär; so leuchtet ein, warum sich das albernerweise getrennt geschriebene "Architektur Jahrbuch" des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main (DAM) hauptsächlich auf das Geschehen in Hannover konzentriert. Thomas Herzogs "Expo-Dach" etwa, dieses beeindruckende Signal für die Rückkehr des Holzes in die "große" Architektur, wird zukünftig als Symbolbau des Messegeländes gelten dürfen.

Der Überraschungsbau des zu Ende gehenden Jahres allerdings entstand abseits des Expo-Betriebs. Volker Staabs "Neues Museum" in Nürnberg ist der Glücksfall eines architektonisch und städtebaulich gelungenen Entwurfs - zu Recht gewürdigt sowohl im DAM-Jahrbuch als auch in dessen betont kritischem Pendant, dem "Centrum Jahrbuch Architektur und Stadt".

Im kommenden Jahr dürfte Staabs zweiter Geniestreich, das kürzlich eröffnete Museum Schäfer in Schweinfurt, in beiden Periodika folgen. Die wichtigen Bauten müssen naturgemäß doppelt gewürdigt werden. Das gilt zumal für Berlin: Frank Gehrys Bankhaus am Pariser Platz, dem die Fachkritik endlich doch Respekt zollt, und die umgekehrt von Anfang an in den Himmel gelobten Nordischen Botschaften nach dem Konzept von Berger / Parkiinen sind beiden Publikationen Einzeldarstellungen wert.

Die spektakuläre "Autostadt" des Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg hingegen beleuchtet allein das "Centrum"-Jahrbuch. Dabei müsste dieser Hunderte von Millionen Mark teure Themenpark doch besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen: als Beispiel einer "Event-Architektur", die in der Fachkritik seit Jahren ebenso beschworen wie übergangen wird. Statt dessen kommen die vier Jahrzehnte alten Utopien der britischen Gruppe "Archigram", kommen "Instant City" und "Plug-in City" in beiden Jahrbüchern zu essayistischen Ehren. Den Visionen von heute hält zumindest das DAM-Buch die Treue: in Gestalt von Zaha Hadids Science Center für Wolfsburg, einem fraglos routinierten Computerkunststück.

Der Essayteil ist wie immer die Stärke von "Centrum", dessen wenig stringente Ordnung wie immer seine Schwäche. New York wird mehrfach unter die Lupe genommen; desgleichen Berlin, doch die kritischen Töne über "Maßstabssprung" oder "Simulation" klingen nicht mehr taufrisch. Ein Glück, dass der "Centrums"-Blick sich diesmal auf Rotterdam sowie Sydney und Melbourne weitet, Städte, die sich mit großräumigen Planungen zu einem metropolitanen Erscheinungsbild verhelfen. Aber es handelt sich um Planung - und damit um das Gegenteil des Wildwuchses asiatischer Megacitys, die in den Jahrbüchern unerwähnt bleiben.

Sie bleiben alle drei auf respektable und zugleich anrührende Weise der europäischen Vorstellung von Stadt als Ort der Öffentlichkeit und von Architektur als der Behausung des Menschen verpflichtet - eher fasziniert von den Auswüchsen des Kommerzes als wirklich beunruhigt.

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