Architektur : Alles fließt

Er begreift Gebäude als Körper, Metropolen als etwas Flüchtiges und feiert Oberflächen: Der japanische Architekt Toyo Ito erhält den Pritzker-Preis. Geprägt hat ihn die progressive Anarchie des Tokioter Städtebaus.

Ulf Meyer
Leuchtendes Vorbild. Berühmt wurde Ito mit seiner 2001 eröffneten Mediathek in Sendai. Sie kommt ohne tragende Wände und Stützen aus. Foto: Will Pryce/picture-alliance
Leuchtendes Vorbild. Berühmt wurde Ito mit seiner 2001 eröffneten Mediathek in Sendai. Sie kommt ohne tragende Wände und Stützen...Foto: picture-alliance / Will Pryce/Ar

Toyo Ito erhält den weltweit wichtigsten Architekturpreis – den Pritzker-Preis. Der 71-jährige japanische Architekt vereine in seinen Entwürfen „konzeptuelle Innovation mit großartig umgesetzten Bauten“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Itos bekanntestes Werk ist die Mediathek in Sendai von 2001, in der anstelle von Stützen raumhaltige Gitterbündel in Zylinderform die Etagen tragen. Die Mediathek kennt weder tragende Wände noch Stützen: Die Stäbchen „gleiten im Fluss der Information hin und her wie Seetang“ (Ito).

Auch in Berlin war Ito aktiv. Für die Ausstellung „Berlin-Tokio – Die Kunst zweier Städte“ (2006) verwandelte er die Neue Nationalgalerie in eine riesige begehbare Skulptur. Der Glastempel von Ludwig Mies van der Rohe wurde zum wogenden Hintergrund für künstlerische Interventionen mit einer weißen Wellenlandschaft aus Holz. Flüssigkeit im direkten und übertragenen Sinn ist Itos zentrales Entwurfsthema. Zur Schlüsselfigur der Medienarchitektur der neunziger Jahre machte Ito sein Konzept der zwei Körper. „Ebenso, wie der materielle Körper des Menschen Teil des Wasserkreislaufes ist, formt den elektronischen Körper ein zweiter, weltumspannender Strom der Medien, Daten und Kommunikation. Alles fließt. Auch Gebäude sind Körper im Fluss und werden von Strömungen geformt“, so Itos Credo.

Im Gegensatz zur westlichen Kultur, in der Städte „Museen gleichen“, begreift Ito Metropolen als etwas Flüchtiges. „Unsere urbanen Räume sind Ausdruck reiner Oberflächlichkeit“, sagt er. Schon sein Lehrer Kazuo Shinohara galt als Theoretiker der „progressiven Anarchie“ des Tokioter Städtebaus, die auch Itos Werk prägt. Die quirligen japanischen Metropolen interpretiert Ito als „Netz verschiedener Ströme“. Als „Fluss“ in der Großstadt sieht Toyo Ito nicht nur den Verkehr, sondern auch „die ständige Veränderung“.

Derzeit ist Ito beim Wiederaufbau der vom Tsunami zerstörten Region Tohoku engagiert. Sein „Minna no Ie“ (Haus für alle) in Sendai ist ein Prototyp dafür. Die leichte Holzkonstruktion mit Satteldach bietet 40 Quadratmeter Fläche als „öffentliches Wohnzimmer“. Denn in Gesprächen mit Bewohnern der Notunterkünfte hatte Ito herausgefunden, dass mit dem Übergang zu Behelfswohnungen die neu gefundene Zusammenarbeit unter den Katastrophenopfern oft verloren geht und deshalb Bedarf an einem sozialen Treffpunkt besteht.

In Taichung/Taiwan baut Ito derzeit ein spektakuläres Opernhaus mit einem schwammartigen Tragwerk und Fassaden, die wie ein Schnitt durch poröses Knochenmark wirken. Mit Ito erhält zum fünften Mal ein Japaner den Pritzker-Preis, der als eine Art Architektur-Nobelpreis gilt. Medaille und Preisgeld in Höhe von 100 000 Dollar werden ihm am 29. Mai in Boston überreicht.

Toyo Ito, 71,

gründete sein Büro

mit dem Namen

Urban Robot 1971

in Tokio. 2006

entwarf er die BerlinTokio-Ausstellung

in der Neuen

Nationalgalerie Berlin.

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