Architektur als Streitkultur : Die Krisenkrieger

Warum sich alle über Abrisse und Neubauten erregen. Überlegung zum Tag des offenen Denkmals

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Auf die Barrikaden. Protestierende Bürger in Stuttgart Foto: dpa
Auf die Barrikaden. Protestierende Bürger in StuttgartFoto: dpa

Sie werden lauter. Und sie werden mehr. Werden sie auch mächtiger? Wacher? Wichtiger? Bürger, die sich für Architektur stark machen, auf der Straße, im Internet, in der Öffentlichkeit: Man findet sie derzeit überall, von Stuttgart über Köln bis Bonn, Hamburg und Berlin. Es geht um ein Milliardenprojekt im Stadtumbau, um den Abriss eines historischen Bahnhofsflügels, es geht um ein Schauspielhaus und eine Konzerthalle der fünfziger Jahre, es geht um Großmarkthallen, Kinos, historische Stadtviertel, um den Flughafen Tempelhof oder den Bau einer Elbbrücke. Beim Kölner Schauspielhaus war der Bürgerprotest erfolgreich, bei der Bonner Beethovenhalle gab der Investor auf. Auch im Hamburger Gängeviertel haben die Investoren nachgegeben. In Stuttgart ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Nur in Dresden haben die Brückengegner verloren.

So viel Aufregung um Architektur, besonders um Architektur des 20. Jahrhunderts, auch um Verkehrsarchitektur. Das war nicht immer so. Noch der Abriss des Ahornblatts von Ulrich Müther in Berlin erregte zwar die Fachwelt, die Öffentlichkeit nahm den Verlust des markanten, zackigen Gebäudes eher gelassen hin. Als die Stadt Potsdam wegen ihres monströsen Bahnhofsbaus sowie der Bebauung des Glienicker Horns in der Sichtachse zwischen Babelsberg und der Innenstadt Mitte der Neunziger seinen Welterbetitel zu verlieren drohte, war die Empörung nicht so groß. Stattdessen diskutierte man lieber über Stadtschlossfassaden – Wiedergutmachungsträume, die von der unversehrten Stadt fantasieren, die andernorts gerade willkürlich aufs Spiel gesetzt wird.

Dabei ist es nicht so, dass allgemein ein Misstrauen gegen moderne Architektur besteht. Gerade Berlin wurde in den Neunzigern auch wegen seiner Neubauten zum Besuchermagneten. Bis heute gibt es Warteschlangen vor Norman Fosters Kuppel des Reichstagsgebäudes, oder bei den Tagen der Offenen Tür im Kanzleramt und Ministerien, vor den Botschafts- und Ländervertretungen. Daniel Libeskinds Jüdisches Museum ist vor allem wegen seiner Architektur ein Touristenmagnet. Das von David Chipperfield wiederhergestellte Neue Museum hat, ein Jahr nach seiner Wiedereröffnung, gerade den einmillionsten Besucher begrüßt.

Auch am Wochenende werden sie sich wieder auf den Weg machen – Architekturfans in ganz Deutschland. Beim „Tag des offenen Denkmals“ stehen in diesem Jahr passenderweise Bauten zu Reisen, Handel und Verkehr im Zentrum, als hätten sich die Stuttgarter Bahnhofsfans das Thema bestellt. Es geht also um Wasserstraßen und Schienennetze, Pilgerwege und Wallfahrtsorte, Gasthäuser und Poststationen, Häfen, Bahnhöfe oder historische Verkehrsmittel. In Berlin, das wie immer ein ziemlich buntes Programm auffährt, geht das Spektrum vom Anhalter Bahnhof bis zum Baerwaldbad, von der Kant-Garage bis zum AVUS-Motel, vom Rundlokschuppen in Rummelsburg bis zum Grenzübergang Dreilinden.

So vielfältig ist Architektur. Verkehrsbauten und Kulturbauten, Wohnbauten und Technikdenkmäler, Landschaftsarchitektur und Spielplätze. Wo es kleinteilig wird, wird es interessant. Etwa in der BDA Galerie, die derzeit mit der Jahresausstellung „Gartenwelten“ Freiraumgestaltungen in Köpenick und Oberschöneweide vorstellt, die immer auch Umgang mit dem Vorhandenen sind, vom Campus der HTW bis zur Köpenicker Schlossinsel (Mommsenstr. 64, noch bis 12. 9.).

Stadtheilung, Stadtrettung – das hat in Berlin die IBA 1987 schon einmal probiert. Hans Christian Müller, der unlängst verstorbene Architekt und Senatsbaudirektor, hat hier viel bewirkt, an behutsamer Stadterneuerung. Da galt es Lücken zu schließen und das Wohnen im Zentrum wieder attraktiv zu machen. Auch wenn manche IBA-Bauten derzeit durch Abriss oder unfachgemäße Renovierung zur Disposition stehen – ohne großen öffentlichen Protest übrigens –, ist das Thema akut geblieben. In Stuttgart wie in Berlin.

Ist jetzt eine gute Zeit für Architektur? Die großen Projekte, die kühnen Entwürfe sind gebaut: Daniel Libeskinds Zackenhäuser, Zaha Hadids expressive Betonbauten, die Stadien von Herzog & de Meuron, die Bahnhöfe von gmp, Frank O. Gehrys Raumskulpturen, die Bundesbauten von Axel Schultes und Stephan Braunfels, so etwas kommt jetzt nicht mehr. Es sind Zeichen einer selbstbewussten Zeit, als ein wiedervereinigtes Land glaubte, sich auch architektonisch neu erfinden zu können. Es war ja viel Platz, und Geld war auch da.

Heute ist allgemein Bescheidenheit angesagt. Nicht nur die Architekturbiennale in Venedig setzt auf Sensibilität, auf Zurückhaltung statt auf großkotziges Ländermarketing. Behutsame Stadtbelebung, kluge Interventionen, die Auseinandersetzung mit den ästhetischen Qualitäten des Raums und mit den sozialen Visionen der Vergangenheit: Das sind die Themen der Länderpavillons wie der Hauptausstellung. Vorbei die Zeit, da Zukunftspläne visionärer Art geschmiedet wurden, und sei es nur der Traum von ökologischer Nachhaltigkeit. Diese Architekturbiennale ist in keiner Richtung aktivistisch. Sie ist bewusst zurückhaltend – und sozial kompatibel. „People meet in Architecture“ ist das Motto. Auf die Menschen kommt es an.

Das gilt auch für die aktuellen Proteste. Es ist eher eine Blüte der Bürgerbeteiligung als eine Auseinandersetzung mit Architektur. Es geht weniger um Bauen als vielmehr um Nichtbauen. Um Bewahren und Schützen. Kein Abriss, kein Neubau, höchstens behutsame Reparatur. Die lange angefeindete Architektur des 20. Jahrhunderts ist inzwischen historisch. Berlins Siedlungen der zwanziger Jahre sind Weltkulturerbe, im Ruhrgebiet sind Zechen und Zolltürme Besuchermagneten. Auch beim Tag des offenen Denkmals überwiegen inzwischen die Bauten des 20. Jahrhunderts.

Erwachsen ist das öffentliche Interesse am gebauten Umfeld übrigens aus dem Europäischen Jahr des Denkmals, das 1975 den Umschwung der Planungskultur einleitete, mit neuen Denkmalschutzgesetzen und einer neuen Form der Bürgerbeteiligung. 1975, auch das war eine Krisenzeit, zwischen Club of Rome, Ölkrise und absehbaren Wachstumsgrenzen. Nicht von ungefähr, dass sich in solchen Krisenzeiten Bürgerbewegungen für das eigene Lebensumfeld, die Stadt und ihre Bauten starkmachen und einen kritischen, verantwortlichen Umgang mit Ressourcen einfordern. Auch das ist Kultur, und eine zutiefst demokratische dazu. Demokratie ist oft kleinteilig. Manchmal kippt sie auch Großplanungen.

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