Kultur : Architektur als Travestie

Die Modelle des Matthäus Thoma: eine Entdeckung in Berlin-Pankow

Ulrich Clewing

Der Palast der Republik ist kaum wiederzuerkennen. So sieht es also aus, wenn man aus dem Gebäude ein paar Stahlträger herauszieht: ein ins Chaotische hinübergeglittenes Geflecht aus Horizontalen und Vertikalen. Das Ganze ist allerdings nicht real im städtebaulichen Sinn, sondern ein Modell mit einer Seitenlänge von etwas mehr als einem Meter.

Der nicht ganz ernst gemeinte Nutzungsvorschlag für die viel diskutierte Ruine ist eine der Skulpturen des 1961 in München geborenen Bildhauers Matthäus Thoma, die derzeit in der Galerie Linneborn in Pankow zu sehen sind. Thomas Spezialität sind Fantasiearchitekturen en miniature: aberwitzige, aus dünnen Hölzchen und Stöckchen bestehende Gebilde mit vielen Stockwerken, Türmen und Nebentrakten, die Titel tragen wie „Innenausbau/Arkadien“, „sechs Türme und ein Gletscher“ oder „Karussel“ (600 –1000 Euro) .

Es ist Architektur als Travestie, ein Hohn auf die Tektonik, eine schreiende Ungerechtigkeit bei der Verteilung von stützenden und lastenden Kräften. Diese wundervoll verstiegenen Bretterbuden rufen nicht nur Assoziationen an die Baumhäuser der eigenen Kindheit hervor, sondern sind auch Reminiszenzen an Konstruktivismus und Arte Povera. In diesen eindrucksvollen Bildern des Verfalls und der Vergänglichkeit kann für einen Moment sogar Caspar David Friedrichs berühmtes „Eismeer“ aufleuchten. Die aneinander geschraubten Holzscheite bei einer Außenarbeit suggerieren eine eingefrorene Wellenbewegung, die ihren Höhepunkt in zersplitternder Unordnung findet. So mischen sich bei Thoma, dem Spätberufenen, der erst im Alter von 31 Jahren sein Studium an der Berliner Universität der Künste aufnahm, Einflüsse aus den unterschiedlichsten Richtungen zu etwas Neuem, das aus seiner Disparatheit, seiner Vernunftverweigerung und seinem Eigensinn Kraft und eine seltsam rohe Eleganz gewinnt. Nicht nur im kleinen Format: Auf dem Pankower Dorfanger steht vor der alten Kirche Thomas „laufendes Haus“, ein Bretterverschlag, der der Stadt drumherum die Fratze der Nutzlosigkeit vor Augen hält und dabei selbst die größtmögliche Würde bewahrt.

Galerie Linneborn, Parkstraße 7–9, bis 9. Oktober, Mittwoch bis Freitag 16–19 Uhr, Sonnabend 11–14 Uhr.

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