Architektur : Auf Zucker gebaut

Wie die Megacity Moskau in die Höhe wächst und viktorianische Courtyards in Moskauer Plattenbauten nachgeahmt werden.

Jens Mühling
Triumph Palast
Europas höchstes Wohnhaus. Der Triumph Palast in Moskau. -Foto: Philipp Meuser

Wenn es um architektonische Superlative geht, ist Moskau längst wieder im Rennen. Schon jetzt ragt über Russlands Hauptstadt der 265 Meter hohe „Triumph-Palast“ auf, das höchste Wohnhaus Europas. Im Bau befindet sich der „Federation Tower“, dessen Spitze im kommenden Jahr auf 448 Höhenmetern eingeweiht werden soll. Stolze 612 Meter soll schließlich der „Russia Tower“ messen, mit dem Norman Foster Moskau ab 2011 unter die fünf himmelstürmendsten Städte weltweit befördern will.

Doch auch jenseits solcher Höhenflüge geschieht in Russland derzeit Staunenswertes, sagt der Berliner Architekt Philipp Meuser, der mit seinem Büro „Meuser Architekten“ hauptsächlich in Osteuropa tätig ist. Nach der Stagnation der spätsowjetischen Jahre und den Stilwirren der frühen Nachwendezeit sei in Russland inzwischen eine eigene Architektursprache entstanden, die „Dinge hervorbringt, die bei uns undenkbar wären“.

Meuser denkt dabei nicht nur an die Proportionen, sondern vor allem an den Mut jüngerer russischer Architekten im Umgang mit der baulichen Vergangenheit des Landes. Zwei Tendenzen seien dabei bestimmend: zum einen ein Anknüpfen an die Zeit vor dem „großen Bruch“ von 1917, der sich besonders in den russischen Regionen im unbefangenen Zitieren spätzaristischer Jugendstilformen niederschlage. Die zweite Hauptlinie dominiert dagegen Moskau: Hier entstehen neben den üblichen Glasfassaden internationaler Prägung derzeit vor allem Gebäude, die an die stalinistische Bauepoche anknüpfen – sei es mit imperialem Pomp oder in postmodern ironischer Brechung. Prominentestes Bespiel ist der im Zuckerbäcker-Stil gebaute „Triumph-Palas“, der seit 2006 im Nordwesten der Stadt den Ring der sieben sogenannten „Stalin-Schwestern“ aus den dreißiger Jahren vollendet.

Nach wie vor fühlbar sei im russischen Bauen gleichzeitig jene „Sehnsucht nach Europa“, so Meuser, die Peter der Große vor 300 Jahren mit der Erbauung Sankt Petersburgs als europäischer Kunststadt eingeläutet hatte. Das Aufgreifen europäischer Bautraditionen ist deshalb bei heutigen russischen Architekten denn auch weniger Fremdzitat als bewusster Rückgriff auf ältere russische Anleihen. Sichtbar wird diese Linie etwa in Michail Belows Entwurf für ein „Englisches Viertel“ in Moskau, das die anheimelnde Atmosphäre viktorianischer Courtyards in Moskauer Plattenbauweise reproduziert und gleichzeitig auf das britische Erbe Sankt Petersburgs verweist.

Auch Strenges, Minimalistisches und Abstraktes wird zunehmend in Moskau gebaut, doch läuft dieser Trend in einem Land, in dem über drei Viertel der Menschen in seriellen Plattenbauten wohnen, bislang dem allgemeinen Durst nach Spiel und Ornament zuwider. Fühlbar ist das auch in der Innenarchitektur: Eine von Meuser mitkonzipierte Berliner Ausstellung zeigt auch hier vor allem postmodernes Schwelgen in Dekor.

„Lust auf Raum. Neue Innenarchitektur in Russland“, bis Sonntag in der ifa-Galerie Berlin, Linienstr. 139, Mitte. Der Katalog (Dom Publishers, 350 Abbildungen) kostet 78 Euro, ebenso der Bildband „Capitalist Realism. Neue Architektur in Russland“ (Dom Publishers, 350 Abbildungen).

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