Architektur : Bauen, um die Welt zu verstehen

Wahre Architektur ist zeitlos: Peter Eisenman, dem Erbauer des Berliner Holocaust-Mahnmals, zum 80. Geburtstag.

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Unermüdlich. Peter Eisenman vor dem Holocaust-Mahnmal, das er entwarf. Foto: dapd
Unermüdlich. Peter Eisenman vor dem Holocaust-Mahnmal, das er entwarf. Foto: dapdFoto: dapd

Die neue „Kulturstadt“ im spanischen Santiago de Compostela ist ein gigantischer Berg auf dem Berg und nicht zu übersehen. Es ist Peter Eisenmans jüngstes Projekt, mit dem er einmal mehr seinen Anspruch klarmacht: Architektur, die es ernst meint, muss mehr sein als das Bauen funktionaler Häuser. Gebäude sind für ihn Zeichen, die auch die Vergangenheit eines Ortes, das Vergessene aufscheinen lassen. Seine Kulturstadt basiert auf einem Grundriss, der an den Jakobsweg erinnert.

Natürlich muss auch ein Stararchitekt wie Peter Eisenman Shoppingmalls oder Wohnsiedlungen bauen wie derzeit in Mailand: „Wenn ein Investor kommt und sagt: Hier hast du 80 Millionen, wird man kaum sagen, ach nee, das reizt mich nicht.“ Die Momente, die Eisenman antreiben, sind aber andere. Zum Beispiel 2005 der erste Gang durch das Stelenfeld seines Berliner Holocaust- Mahnmals oder neulich, als er durch die fertige, noch unberührte Bibliothek in Santiago streifte: Wenn der Traum wahr wird, wenn die Theorie in der Praxis aufgeht und auch andere begeistert. Dann breitet sich ein Kribbeln, ein tiefes Glück in ihm aus. Ja, das habe auch etwas mit Erotik zu tun, sagt er. Am heutigen Sonnabend wird Peter Eisenman 80 Jahre alt.

Natürlich denkt er nicht ans Aufhören. „Urlaub“, fragt er, „was ist das?“ Arbeiten ist leben, leben ist denken, entwerfen, schreiben. Ob er dazu in seinem New Yorker Büro sitzt, zu Hause in Manhattan oder im Ferienhaus an der Küste, ist nur ein gradueller Unterschied. Eisenman, 1932 in New Jersey als Nachkomme einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren, die im 19. Jahrhundert aus dem Elsass in die USA ausgewandert war, studierte Architektur in Cornell und Columbia und promovierte im englischen Cambridge. Ende der Sechziger entdeckte er die französische Philosophie und gründete in New York ein Institut für Architekturtheorie. Statt um Flächen, Achsen und Höhen geht es ihm seitdem um Architektur als Sprache, die Welt zu verstehen. „Wahre Architektur“, sagt er, „lässt sich nicht einspannen vom Zeitgeist.“ Je älter er wird, umso nostalgischer wird sein Blick: Seit 100 Jahren, seit Le Corbusier sei kein Gebäude mehr gebaut worden, das diesem Anspruch gerecht würde.

Eisenman selbst kam erst mit über 40 Jahren von der Theorie zur Praxis. Nicht alle Auftraggeber waren mit dem Ergebnis so glücklich wie die Berliner mit dem Holocaust-Mahnmal. Seine ersten Auftraggeber in den siebziger Jahren beschwerten sich, dass Treppen ins Nichts führten und hielten ihm vor, dass es sich in einem Haus mit dekonstruktivem Theorieansatz schlecht leben lasse. Er tat das als Kleingeisterei ab. Aber er ist kompromissbereiter geworden – die jahrelangen Debatten um das Holocaust-Mahnmal hätte er sonst kaum überstanden. Geholfen hat sicher auch sein augenzwinkerndes Selbstbewusstsein. Der Herr mit der schwarzen Fliege und der altmodischen runden Brille bezeichnet sich gern als „Gorilla“. Womit er seinen Status in der Architekturszene meint, weniger seine Leibesfülle. Die grauen Haare sind silbern geworden, an coolen Sprüchen macht Eisenman nach wie vor keiner etwas vor.

Rummel um seine Person mag er nicht. Den Geburtstag wird er wahrscheinlich mit der Familie verbringen. Und am Sonntag, das dürfte klar sein, sitzt er am Schreibtisch: Vorlesungen vorbereiten, an der Theorie feilen, denn er sei noch lange nicht an dem Punkt, an dem er sich zufrieden geben könne mit dem Erreichten. Der Horizont ist offen.

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