Kultur : Architektur: Baukunst ohne Showeffekt

Falk Jaeger

Ein Bau der klassischen Moderne war es, der ihn schon als Halbwüchsigen fasziniert habe, berichtet Fumihiko Maki, und zwar das Wohnhaus, das Kameki Tsuchiura für sich selbst erbaute. Tsuchiura, der vor fünf Jahren im Alter von 100 Jahren verstarb, hatte noch bei Frank Lloyd Wright gelernt und gearbeitet.

Auch Maki (1928 in Tokio geboren) zog es in die USA, er studierte und lehrte dort und kehrte 1965 nach Japan zurück - als in der Wolle gefärbter Moderner. Den geheimnisvollen Wesensverwandtschaften zwischen der japanischen Bautradition und der westlichen Moderne, die den Blick der Heroen der zwanziger Jahre Gropius, Mies, Taut, Le Corbusier magisch nach Osten zogen, spürte er von japanischer Seite aus nach, wie der etwas jüngere Kurokawa, wie ihr gemeinsamer Lehrmeister Kenzo Tange. Von Tange beeinflusst sind denn auch Makis expressive Großformen für Versammlungsstätten und Konzerthallen, wogegen er die technoiden Zukunftsvisionen der Metabolisten weniger verfolgte. Statt dessen entwickelte er den städtebaulichen Ansatz der Gruppenform-Theorie. Besonders das metabolistische Thema des Verhältnisses zwischen Innen und Außen beschäftigte ihn und liegt ihm noch immer am Herzen, wie das Hillside-Terrace-Projekt beweist.

Seit 30 Jahren baut er für den selben Bauherrn, die Familie Asakura, Stück für Stück an der Häusergruppe in Tokio, immer mit dem Anspruch, durch die Ausprägung der Architektur, speziell der Außen- und Zwischenräume, eine neue, in Japan ungewohnte Qualität des nachbarlichen Zusammenlebens zu ermöglichen. Jüngstes Glied der fast wie eine Werkbundsiedlung anmutenden Anlage ist ein etwas abseits errichtetes Multifunktionsgebäude. Dessen charakteristische, halbdurchlässige Aluminiumschirmfassade taucht bei seinen aktuellen Werken häufiger auf, unter anderem beim gerade in Fertigstellung begriffenen Bürohaus am Düsseldorfer Hafen - auch dies eine Architektur ohne Showeffekt, die sich gegen Gehrys Knautsch-Architektur schräg gegenüber behauptet.

"Als ich jung war, beauftragte man mich, Kindergärten zu entwerfen. Jetzt, da ich alt bin, fragt man mich nach einem Krematorium", konstatiert Maki mit einem Augenzwinkern. Die wunderbare Sepulkralarchitektur, die er in eine historische Friedhofsanlage hinein komponierte, lässt neuerlich enge Kontakte zur europäischen Architekturszene der Gegenwart erkennen.

Hillside Terrace nimmt breiten Raum ein in der Ausstellung "Modernity and the Construction of Scenery" über Makis Werk, die nach dem Start in London jetzt im Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ) in Berlin zu sehen ist. Die Schau mit ihrer ruhigen, konventionellen Konzeption, mit aussagekräftigen Bildern, Plänen und attraktiven Modellen sowie der Katalog erlauben ein tiefes Hineindenken in die Entwürfe. Die Auswahl von zehn Projekten zeigt, dass der Pritzker-Preisträger zwar seiner Architekturauffassung über zwei "verlorene Jahrzehnte Postmoderne" hinweg weitgehend treu blieb, doch in jüngerer Zeit Anfechtungen des Zeitgeists, der nach dynamistischen, funktional oft fragwürdigen Formen ruft, nicht ganz widerstehen konnte. Was manch einer bedauern mag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar