Architektur-Biennale : Der „Goldene Löwe“ geht nach Bahrain

Überraschung in Venedig: Der Goldene Löwe für den besten nationalen Beitrag auf der Architektur-Biennale geht an Bahrain. Strandhütten Marke Eigenbau kennzeichnen den Sieger-Beitrag.

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Strandhütten Marke Eigenbau: Der Beitrag von Bahrain. Foto: dpa
Strandhütten Marke Eigenbau: Der Beitrag von Bahrain.Foto: dpa

Stetig wächst die Zahl der Nationen, die an der Architektur-Biennale von Venedig teilnehmen wollen, aber längst reicht der Platz nicht mehr für eigene Pavillons in den baumbestandenen Giardini. In diesem Jahr haben die Neulinge Platz gefunden in einem Teil des Arsenals, dichtgedrängt zwischen der Themenausstellung in der ehemaligen Seilerei und dem Beitrag Italiens, das seinen angestammten Riesenpavillon hat aufgeben müssen und nun am Ende des Arsenals Platz gefunden hat. Dazwischen liegt diesmal unter anderem der Beitrag des Königreichs Bahrain aus dem Persischen Golf: eines Kleinstaates, flächenmäßig etwas kleiner als Berlin und mit einem Drittel an Einwohnern. Die Strandhütten Marke Eigenbau, die Bahrains Beitrag kennzeichnen, fanden während der Vorbesichtigungstage der Biennale starke Aufmerksamkeit: Sie dokumentieren das Problem des rasanten Wandels, der die arabischen Länder – und nicht nur sie allein – erfasst hat und im Falle Bahrains zum Verlust der traditionellen Beziehung zum Meer geführt hat.
„Wiedergewinnung“ ist der Beitrag überschrieben – und fand den Beifall der Jury, die ihm am Sonnabend-Nachmittag den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag zusprach. Lauter Jubel brandete im vollbesetzten Festzelt auf, und als dann noch die – wohlgemerkt unverschleierte - Botschafterin des Landes aus der Herrscherfamilie Al-Khalifa ans Mikrofon trat, gleich nochmals. Der Ausstellungskatalog macht deutlich, dass es um mehr geht als ein paar temporäre Holzhütten, die frühere Fischer am Strand errichten, um sie als Tee- und Versammlungshäuser am Wasser zu nutzen. Dazu laufen auf Monitoren Interviews mit Einwohnern, die davon erzählen, dass sie mit dem Auto ans Wasser fahren müssen, das sie früher, in ihrer Kindheit, vor der Haustür hatten. Und dass es am Meer so viel angenehmer ist „als in Shopping Malls“. Es geht um die Identität des Landes, dessen „ökonomische Dynamik uns so weit vom Meer weggeführt hat“, wie der Kulturminister Bahrains, natürlich ebenfalls ein Al-Khalifa, im Vorwort beklagt, „weit entfernt von dem, was unsere Kultur geformt hat, so weit weg vom Meer…“

Verlust und Wiedergewinnung – das ist ein roter Faden, der sich durch die Architektur-Biennale zieht. Verlust an Fantasie, an Träumen, dagegen Rückbesinnung aufs eigene Erbe, sogar Mut zur „Sehnsucht“, wie sie der deutsche Beitrag zum Thema macht. Architektur im herkömmlichen Sinne, als erlerntes Können, als Beruf, scheint dabei keine Rolle mehr zu spielen, wie nicht nur der Beitrag Bahrains zeigt. Denn der Goldene Löwe für die beste Einzelleistung ging an den Japaner Junya Ishigami, der ein nahezu unsichtbares „Modell“ eines Wohnhauses aus transparenten Plastikstäben errichtet hat, ein Traumhaus im wahrsten Sinne des Wortes. Leider hat das an dünnen Fäden aufgehängte Modell unter dem Titel „Architektur als Luft“ dem Ansturm der Vorbesichtigungstage nicht standgehalten. Der junge Architekt bekannte bei der Preisverleihung, „gestern sehr traurig“ über die Zerstörung gewesen zu sein, und dementsprechend „heute umso glücklicher“.

Auch zwei „Besondere Erwähnungen“ gingen an Nicht-Architekten: zum einen an das chinesische „Amateur Architecture Studio“, zum anderen an das indische „Studio Mumbai“. Die Amateurarchitekten aus China, die in ihrer Beherrschung des Handwerks alles andere als Amateure sind, zeigen eine Kuppelkonstruktion aus raffiniert ineinander verschachtelten hölzernen Latten, durchaus als Anleitung zum Nachbau gedacht. Studio Mumbai hat den Bestand einer – seiner - traditionellen Bauwerkstatt ausgebreitet, mit Fliesen, Putzfarben, bearbeiteten Holzteilen, einfach alles, was ein herkömmlicher indischer Hausbau benötigt. Und der ganze „Arbeitsplatz“ – so der lakonische Titel - unter indien-typischen Deckenventilatoren, die allerdings dieser Tage auch in Venedig dringend erwünscht sind.

Die Auszeichnung von Nicht-Architektur spiegelt eine Biennale, die eher in sich gekehrt ist, die die Kehrseiten des globalen Baubooms thematisiert oder sich, wie Großbritannien mit seiner nostalgischen Rückerinnerung an Ruskin und die Zeit um 1850, gleich ganz vom Bauen abgewandt haben. Auch Gastgeber Italien stellt kritische Fragen an das eigene Land und dessen jahrzehntelange Umweltzerstörung durch Bauen, die Griechen haben eine veritable Arche Noah zur Rettung bedrohter Pflanzen in ihren Pavillon gebaut, und sogar die Vereinigten Staaten versuchen es mit Öko-Design. Bei so viel Verlustangst und Rückwärtsgewandtheit ist es einmal mehr der niederländische Weltbürger Rem Koolhaas, der genauer hinschaut. Sein Think Tank OMA, das „Office for Metropolitan Architecture“ nimmt in einem äußerst bedenkenswerten Beitrag die exponentiell wachsende Menge des Unesco-Welterbes aufs Korn und kalkuliert, welche Flächenanteile damit einer aufs Künftige ausgerichteten Planung und Bebauung entzogen werden. Immer mehr denkmalgeschützte Bauten und ganze Stadtkerne, immer neuere zumal, so dass mittlerweile bereits nagelneue Bauten – wie solche von Koolhaas selbst! – unter Denkmalschutz stehen, das verschärft den Konflikt zwischen Erhaltung und Neubau, zwischen Vergangenheit und Zukunft in einer bislang ungekannten Weise.

Kazuyo Seijima aber, die Generalkommissarin dieser Architektur-Biennale, lächelte bei der Preisverleihung vom Podium herab und sagte nur, „Genießen Sie die Zeremonie!“ Da werden nicht alle Berufs-Architekten mitgelächelt haben. Die Biennale ist damit jedenfalls eröffnet. Bis zum 21. November stehen Giardini und Arsenal zur Besichtigung offen - und damit die Fragen, die die diesmaligen Beiträge eher aufwerfen als beantworten.

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