Architektur : Der gute Geist von Berlin

Vis-à-vis der Museumsinsel hat David Chipperfield für Céline und Heiner Bastian ein Galeriegebäude errichtet. Der Bau ist ein Zeichen für die neue architektonische Toleranz in Berlin.

Michael Zajonz
Galeriehaus
Klassik. David Chipperfields Galeriehaus an der Museumsinsel. -Foto: Jörg v. Bruchhausen

Es ist der vornehmste Bauplatz der Hauptstadt. Am Kupfergraben 10, auf dem Eckgrundstück zur Straße „Hinter dem Gießhaus“, hat David Chipperfield (mit seinem Berliner Projektarchitekten Alexander Schwarz) für das Berliner Kunsthändler-, Galeristen- und Sammler-Ehepaar Céline und Heiner Bastian ein neues Galeriegebäude errichtet. 2003 setzte sich der Brite in einem von den Bastians privat finanzierten Architekturwettbewerb gegen Frank O. Gehry, Hans Kollhoff, Ron Radziner und Peter Zumthor durch.

Das viergeschossige Haus schließt die letzte prominente Baulücke zwischen Museumsinsel und Schinkels Neuer Wache. Ieoh Ming Peis eleganter Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums und Friedrich August Stülers Neues Museum, das ebenfalls von Chipperfield saniert wird, grüßen über Straße und Kupfergraben hinweg. Und Chipperfields ebenso großartiger wie zurückgenommener Galeriebau, der im November eröffnet werden soll, besteht spielend die direkte Konkurrenz zu den verehrten Kollegen Schinkel, Stüler und Pei.

Als Chipperfield in der vergangenen Woche in der Rotunde des benachbarten Alten Museums mit der Ehrenmitgliedschaft des Bundes Deutscher Architekten (BDA) ausgezeichnet wurde, sprach er in seinem Festvortrag darüber, wie man als Architekt seine Bauherrn von der Notwendigkeit luxuriös überdimensionierter öffentlicher Räume überzeugt. Sein vis-à-vis von Bastians Galeriehaus direkt vorm Neuen Museum geplantes zentrales Eingangsgebäude zur Museumsinsel, die ab 2009 zu errichtende James-Simon-Galerie, verspricht mit ihren Kolonnaden und Freitreppen ein Musterbeispiel dieser Art von intelligenter Raumverschwendung zu werden.

Das neue Galeriehaus wirkt im Vergleich dazu beinahe konventionell: zwei direkt an historische Nachbarhäuser anschließende und auf deren Traufhöhe eingehende Straßenfassaden, ein Erdgeschoss mit Räumen für die Infrastruktur, drei Ausstellungsgeschosse für die Kunst. Und dennoch lädt dieses sich im Oeuvre von Chipperfield auch vom Bauvolumen her eher bescheiden ausnehmende Gebäude zum Nachdenken über die stete Gradwanderung zwischen Repräsentation, Intimität und öffentlicher Partizipation ein, die jede geglückte Architektur ausmacht. Chipperfield beherrscht diese Balance meisterhaft.

Überhaupt scheint Berlin mit seinen traditionsfixierten Architekturdiskussionen Chipperfield gut zu tut. Seine jüngeren Entwürfe – auch Nicht-Berliner Projekte wie die Erweiterung des Marbacher Literaturmuseums – belegen sinnfällig die Auseinandersetzung mit dem preußischen Klassizismus eines Schinkel, Stüler oder Messel. An diesen nicht gerade die zeitgenössische internationale Diskussion bestimmenden Großmeistern werden sich besonders Chipperfields Bauten an und auf der Museumsinsel messen lassen müssen. Der Zwang zum Zurücktreten und Einordnen, der bei Chipperfield jedoch nie zur Geste ängstlicher Unterordnung verkommt, hat die Disziplin und Raffinesse seiner Architektursprache weiter vorangebracht.

Noch vor ein paar Jahren wäre ein zugleich so konservativ-wertbeständiges und lässig-modernes Gebäude wie Bastians Galeriehaus in Berlin nicht denkbar gewesen. Anfang der neunziger Jahre ist hier ermüdend ergebnislos über „Berlinische Architektur“ gestritten worden. Mit dem Galeriegebäude hat Chipperfield seine Antwort auf den Geist von Berlin gefunden.

Zunächst sind es die Materialien der Fassade, die verblüffen. Am neuen Museum wird man ihnen ab 2009 innen und außen wieder begegnen: helle, mit dem Sandstrahlgerät beinahe steinmetzmäßig bearbeitete Betonfertigteile und aus abgebrochenen Altbauten geborgene helle Ziegelsteine. Im Neuen Museum kommen sie im unverputzten klassischen Mauerwerksverband zur Geltung; im Bastian-Bau wurden sie mit einer dünnen kalkfarbenen Mörtelschlemme überzogen. Die Idee mit den historischen Ziegeln stammt übrigens von Heiner Bastian: „Das Belvedere auf dem Potsdamer Pfingstberg hat mich dazu angeregt. Das Haus soll richtig altern.“

Abstrakte Mauern: Farbakzente bringen hier lediglich die Fensterelemente aus rötlichbraunem afrikanischen Ipé- Edelholz – natürlich mit Umweltzertifikat –, die, gegeneinander versetzt, die Fassaden zum Flächenkunstwerk machen. Und doch wirkt der Bau trotz seiner Modernität so, als habe er schon immer hier gestanden.

Auch im Innern changiert das Haus, über dessen Kosten Stillschweigen vereinbart wurde (Bastian: „Wir sind vollständig im Kostenrahmen geblieben.“), unaufgeregt zwischen Tradition und Moderne. Die drei Galerieebenen mit 5,50 Meter hohen Räumen besitzen ausschließlich tragende Wände. Im Inneren der Ausstellungsetagen herrschen Licht und Luft. Hellgrauer Estrichboden, weiße Wände: hier dient alles der Kunst. Die musealen Räume werden künftig durch das Ehepaar Bastian, die renommierte Berliner Galerie Contemporary Fine Arts und die Sammlerin und Medienmanagerin Christiane zu Salm bespielt. Die Bastians wollen am 10. November mit einer Soloshow von Damien Hirst starten und künftig drei- bis viermal jährlich neue Präsentationen zeigen.

Die geforderte Kunsthalle für Gegenwartskunst kann dieser privat finanzierte und privat genutzte Kunsttempel natürlich nicht ersetzen. Wohl aber zeigen, auf welch fantastisch hohem Standard Bauen für die Kunst selbst in kleinen Dimensionen möglich ist.

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