Kultur : Architektur der Leichtigkeit

Zum Tod des Münchner Baumeisters Otto Steidle

Falk Jaeger

Ein vierschrötiger, braungebrannter Kerl, mit Händen, die zupacken können, der auf dem Traktor sitzt und die eigenen Felder beackert, dies der eine; ein feinsinniger, graumelierter Architekt, Hochschulprofessor, der Hauptverwaltungen für große Firmen und 1000-Wohnungs-Projekte in China realisiert, dies der andere Otto Steidle. Verantwortungsgefühl für die Menschen hat seine Arbeit in jedem Fall geleitet, ob er sich mit seinen Fähigkeiten für die Bauern-Kollegen im niederbayerischen Plattling einsetzte und Kooperativen gründete, oder ob er neue Wohnformen für selbstbestimmte Lebensweisen suchte.

Schon sein Erstlingswerk, eine Wohnanlage in München, aus einem Industriebausystem entwickelt und für die Bewohner individuell mit Räumen bestückt, ging in die moderne Baugeschichte ein. Zu den Hauptwerken seiner immer leicht wirkenden Bauten gehören Gruner + Jahr in Hamburg (mit Uwe Kiessler) und der Universitätscampus auf dem Ulmer Eselsberg. In Berlin baute er in den Achtzigern das IBZ in der Wiesbadener Straße, IBAStadthäuser in der Lützowstraße, „Grüne Häuser“ auf der BUGA und ein Kreuzberger Seniorenheim.

In jüngerer Zeit wurden die Projekte, vornehmlich Bürobauten und Wohnanlagen, immer größer – und bunter. Denn Otto Steidle hat wie wenige Kollegen Farbe als Gestaltungsmittel eingesetzt, zunächst Pastelltöne, dann, in Zusammenarbeit mit dem Farbgestalter Erich Wiesner, immer kraftvollere. Favorisierte er früher einen improvisiert wirkenden „Gartenlaubenlook“ mit Sperrholzfassaden, so muten seine Wohntürme heute mit ihren herausgezogenen Zimmern und Balkons holländisch an.

Die kürzlich anlässlich des 60. Geburtstags eröffnete Werkschau im Münchner Architekturmuseum soll jetzt als Hommage für Otto Steidle verlängert werden: Am Sonntag ist der Baumeister der Leichtigkeit auf seinem Bauernhof in Niederbayern einem Herzinfarkt erlegen.

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