Architektur : Der Zeichensetzer

Dem Architekten Peter Eisenman zum 75.

Claudia Keller

Zigtausende strömten in das neue Cardinals Stadion in Glendale, Arizona. Alle wollten dieses Fußballspiel sehen. Mittendrin: Peter Eisenman. Er habe sich, sagt der Architekt, wie ein Bischof gefühlt, wenn sich die Kirche zur Ostermesse füllt. Ein Kribbeln, ein tiefes Glück habe sich in ihm ausgebreitet. Ja, das sei auch so was wie Erotik gewesen. Er hat das Stadion gebaut, es ist sein jüngstes abgeschlossenes Projekt, 2006 wurde es eröffnet. Solche Momente treiben ihn an. Momente wie der erste Gang durch das Stelenfeld seines Berliner Holocaust-Mahnmals: wenn der Traum wahr wird, wenn die Theorie in der Praxis aufgeht und auch andere begeistert. Heute wird Peter Eisenman 75 Jahre alt.

Natürlich denkt er nicht ans Aufhören. „Urlaub“, fragt er, einen Brocken Deutsch hervorkramend, „was ist das?“ Leben ist Denken, Entwerfen, Schreiben. Ob er dazu in seinem New Yorker Büro sitzt, zu Hause in Manhattan oder im Ferienhaus an der Küste, ist nur ein gradueller Unterschied. Eisenman, 1932 in New Jersey als Nachkomme einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren, die im 19. Jahrhundert aus dem Elsass nach Amerika ausgewandert war, studierte Architektur in Cornell und Columbia und promovierte im englischen Cambridge. Ende der sechziger Jahre entdeckte er die französische Philosophie. Statt um Flächen, Achsen und Höhen geht es ihm seitdem um Architektur als eine Sprache, die Welt zu verstehen. Gebäude sollen mehr sein als funktionale Häuser. Sie sind Zeichen, die auch die Vergangenheit eines Orts, das Vergessene aufscheinen lassen. So fußt seine Kulturstadt, die er momentan in Santiago de Compostela baut, auf einem Grundriss, der an den Jakobsweg erinnert.

Das sei ja alles schön und gut, aber wohnen könne man in so was nicht, beschwerten sich die Auftraggeber in den siebziger Jahren oft. Damals tat er das als Kleingeisterei ab. Seitdem ist er kompromissbereiter geworden; die jahrelangen Debatten um das Holocaust-Mahnmal hätte er sonst kaum überstanden. Geholfen hat sicher auch sein gesundes, augenzwinkerndes Selbstbewusstsein. Der Herr mit der schwarzen Fliege auf blau-weiß gestreiftem Hemd bezeichnet sich gern als „Gorilla“. Womit er seinen Status in der Architekturszene meint, weniger seine Leibesfülle.

Rummel um seine Person mag er nicht. Den Geburtstag heute will er mit Frau und Kindern auf dem Land verbringen. Und am Sonntag setzt er sich gleich wieder an den Schreibtisch. Die Vorlesung an der Universität Yale ist vorzubereiten, das neue Buch. Sein Leitsatz: „Keep moving“. Der Horizont ist offen. Claudia Keller

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