Architektur : Die Betonwelle im Osthafen

Der Modespeicher am Osthafen ist ein rares Beispiel für originelles Bauen in Berlin. Entgegen dem Trend der preußisch-rationalen Backsteinbauten präsentieren die Schweizer Archtikten einen Bau von geradezu exaltierter Beschwingtheit.

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Exaltierte Beschwingtheit. Das Fashion Center Label II an der Spree vom Basler Architekturbüro HHF. -Foto: Christian Gahl

Es gibt Ausnahmen, gelungene Ausnahmen, in Köln, Düsseldorf oder Hamburg. Dort ist im Zuge der Umwidmung und Neubebauung ehemaliger Hafenareale Architektur entstanden, die ansatzweise die Erinnerung wachhält an das, was den Hafen einmal ausgemacht hat. Architektur, die typologisch oder mit Designmerkmalen etwas mit Lagerhaus- und Speicherbauten zu tun hat. In der Regel jedoch geschieht etwas anderes. Da werden Kais mit unspezifischen Bürohäusern oder Wohnungsbauten vollgestellt, davor fristet dann der sorgsam restaurierte alte Hafenkran als letzter Zeuge des einstigen Hafenlebens sein Dasein.

So auch am einstigen Osthafen oberhalb der Oberbaumbrücke, der 1913 in Betrieb genommen worden war. Zum Jahrhundertjubiläum wurden wunderbare Hafenbauten wie das Eierkühlhaus und die historischen Lagerhäuser saniert. Medienfirmen und Modelabels nutzen sie für ihre Büros und Showrooms, Neubauten für die Musiksender MTV und Viva kamen hinzu. Nun gibt es einen weiteren Blickfang: das Fashion Center Label II, das nun pünktlich zur Fashion Week eröffnet wurde (und dem bald Nr. III folgen soll).

Das Basler Architekturbüro HHF hatte das Gutachterverfahren für sich entschieden. Entgegen dem Berliner Trend der preußisch-rationalen Backsteinbauten präsentieren die Schweizer einen Bau von geradezu exaltierter Beschwingtheit. Parabelwellen schwappen über die Fassade, wie die Spree im Orkan. Fünf Geschosse wogender Beton – ein neues Thema in Berlin. Die gewöhnungsbedürftige olivgrüne Farbe dämpft den Überschwang zwar ein wenig, doch wenn am Abend die Showrooms der Modelabels die Fenster erleuchten, erreicht das Schauspiel seinen Höhepunkt. Wären die Fassaden mit Ziegeln oder Bossenquadern bekleidet, man könnte dem Bau sogar Berliner Wurzeln bescheinigen. Hans Poelzig jedenfalls hat sich öfter des Parabelmotivs bedient.

Die parabelförmigen Öffnungen, weite und schmale im Wechsel, ergeben sich übrigens nicht nur durch vorgehängte Betonblenden, die Bogenläufe entsprechen auch dem konstruktiven Tragwerk des Gebäudes. Die Betonarkaturen durchziehen das Innere und teilen es in vier Schiffe, wie die Säulen eine Basilika. Nur im etwas höheren Erdgeschoss sorgt ein Bogen mit extremer Spannweite für eine größere, stützenfreie Fläche, die von einer Eventfirma als Veranstaltungslokal genutzt wird. Die oberen vier Geschosse sind geometrisch unabhängig vom Grundraster und zumeist durch schräg verlaufende Trennwände unterteilt. So ist es ein Leichtes, die Flächen immer wieder neu zu gliedern und flexibel auf die Bedürfnisse der mehr als zwanzig im Haus untergebrachten Labels zu reagieren.

Der Modespeicher ist ein äußerst wirtschaftlicher Industriebau. Die Flächen werden im „veredelten Rohbaustandard“ vermietet; Sichtbetonbogen und -decken prägen die Räume, verzinkte Lüftungsrohre von teils beeindruckenden Dimensionen beherrschen den Luftraum. Die Modelabels scheinen edle oder gar gemütlich eingerichtete Räumen nicht zu benötigen, sie belassen es beim Rohbaudesign. Mit unterschiedlichen Fußböden: Teppich oder Fliesen, Estrich oder weiß glänzendes Epoxyd.

Der Blickfang: die von einer Werft gebaute Wendeltreppe im zentralen Treppenhaus aus schwarz lackiertem Stahlblech. Sie ist im Grundriss nicht kreisförmig, sondern weist eine von Geschoss zu Geschoss wechselnde Amöbenform auf, ebenso die Deckenausschnitte – ein Vergnügen für Besucher, die spielerisches Design schätzen. Da ist es schon erstaunlich, wie ein derart engagiert gestaltetes Haus durch das Klimagekröse auf dem Dach nachhaltig verunstaltet wird. Warum verschließt der stolze Bauherr davor die Augen? Fast hat es den Anschein, als ob munter drauflos gebaut worden wäre, bis oben am Dach plötzlich das Geld ausging. Aber vielleicht lassen sich die Aggregate ja doch noch verkleiden.

Mit Hafenarchitektur hat Labels II letztlich zwar wenig zu tun. Doch wenn voraussichtlich im Sommer das Restaurant mit Freiterrasse am Spreeufer und die Lounge mit Panoramaterrasse auf dem Dach eröffnen, hat Berlin wieder eine Attraktion mehr zu bieten.

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