Architektur : Die Frau, die Israel baute

Lotte Cohn, Pionierin der Architektur: Die Jüdischen Kulturtage würdigen die gebürtige Berlinerin mit einer Ausstellung.

Lea Hampel
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Klarheit und Form. Früher Entwurf Lotte Cohns für ein Gebäude "nationaler Institutionen" in Tel Aviv. Cohn nahm 1928 als eine von...Foto: Katalog

Wahrscheinlich hätte sich Lotte Cohn nicht träumen lassen, dass eins ihrer Häuser eines Tages das unbeliebteste von ganz Tel Aviv werden würde. 1922 entstand es in der Idelson Straße 30. Es war eins der ersten Projekte der 29-jährigen frisch gebackenen Assistentin des jüdischen Architekten Richard Kauffmann, und bestimmt war sie stolz darauf, an den Planungen für die Wohnung und die Praxis beteiligt gewesen zu sein. 87 Jahre später beherbergt die einstige Privatklinik von Dr. Theodor Zlocisti eben jene Behörde, in der israelische Autofahrer murrend ihre Strafzettel bezahlen müssen. Das war damals nicht zu ahnen in dem Land, das noch kein Staat war und erst recht kaum Straßen hatte.

Das dreistöckige Gebäude im Zentrum von Tel Aviv, nur vier Querstraßen von der Strandpromenade entfernt, ist das Erstlingswerk einer der erfolgreichsten und zugleich unbekanntesten Pionierinnen des Landes Israel. Dass nun im Rahmen der am Wochenende eröffneten Jüdischen Kulturtage in Berlin eine Ausstellung über Lotte Cohn gezeigt wird, trägt nicht nur dieser Leistung Rechnung. Als eine der ersten Frauen deutschlandweit erwarb Lotte Cohn einen Universitätsabschluss – als vierte Architekturstudentin an ihrer Uni. Und bereits mit der dritten Auswanderungswelle 1921 ging die überzeugte Zionistin nach Palästina und eröffnete dort später das erste von einer Frau geführte Architekturbüro. Eine Pionierin also in vielfacher Hinsicht.

Wie nur wenige hat die gebürtige Berlinerin die Architektur Israels geprägt – und doch ist die Vorreiterin moderner Baukunst seit ihrem Tod 1983 zunehmend in Vergessenheit geraten. In beiden Heimatländern, Deutschland und Israel.

Das Haus, in dem sie als jüngstes von sieben Geschwistern in der Kurfürstenstraße 118 aufwuchs, steht längst nicht mehr. Auch das Haus in Steglitz, in dem ihr Vater seine Arztpraxis betrieb, bis er wegen antisemitischer Verleumdungen durch einen Kollegen nach Charlottenburg wechselte, hat den Krieg nicht überstanden. Kaum hatte Lotte Cohn ihr Architekturstudium an der Technischen Hochschule Charlottenburg beendet und erste Erfahrungen beim Wiederaufbau zerstörter Dörfer in Ostpreußen gesammelt, zog es sie nach Israel, zum renommierten Architekten Richard Kauffmann. Dort erging es ihr wie vielen, die aus Europa in das gelobte Land der Vorväter auswanderten: Die erste Euphorie, die sie in Briefen aus Jerusalem an Freunde in Berlin zum Ausdruck brachte, legte sich schnell angesichts der mangelhaften Infrastruktur und des niedrigeren Lebensstandards.

Statt jedoch zu kapitulieren, machte Lotte Cohn den Aufbau des Landes zu ihrer Aufgabe. Sie plante Schulen und Landwirtschaftssiedlungen, zunächst als Kauffmanns Assistentin. 1931 zog sie von Jerusalem nach Tel Aviv, weil viele Aufträge von dort kamen, und errichtete mit ihrem eigenen Büro unter anderem das Gewerkschaftshaus in Jerusalem und die berühmte Pension „Käthe Dan“ am Strand von Tel Aviv. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit in den 30er Jahren waren Häuser für Flüchtlinge aus Nazideutschland – unter anderem baute sie das Doppelhaus, in dem Gershom Scholem wohnte.

Deutsche Juden, versetzt in eine orientalische Umgebung: Diese multiple Identität spiegeln auch die von Cohn gebauten Häuser. Einerseits sind sie der Bauhaus-Schule verpflichtet – Cohn abonnierte Architekturzeitschriften aus Europa und tauschte sich mit Kollegen aus. Andererseits bemühte sie sich, entsprechend der offiziellen Linie im Mandatsgebiet Palästina, den „Erez-Israel“-Stil umzusetzen. Ein Stil, der neusachliche Klarheit um orientalische Stilelemente wie Rundbögen und Dachgärten ergänzte und sich den klimatischen Anforderungen des Landes mit Luftlöchern in den Gebäuden und nutzbaren Flachdächern anpasste. Schnell hatte Lotte Cohn diese Mischung zur eigenen Formensprache weiterentwickelt.

Nicht nur äußerlich vereinte die Architektin Schönes und Praktisches. In die von ihr errichteten Familienhäuser baute sie Wohnküchen, damit die Mütter nicht so lange Wege hatten, und trennte aus hygienischen Gründen die Toilette von den Badezimmern. Ebenso griff sie die klassischen Bauhaus-Gedanken zur Einheit von Form und Funktion auf. Und es ist nicht zuletzt ihr Verdienst, dass Tel Aviv die „weiße Stadt“ genannt wird und Bauhaus-Führungen anbietet, die unter anderem an dem von Cohn errichteten Geschäftshaus Shimon Binyan in der Allenby-Straße vorbeiführen.

Obwohl sich die deutschen Einflüsse durch nahezu sämtliche Planungen Cohns ziehen, kehrte sie nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein einziges Mal in ihr Geburtsland zurück. Das war 1954, Berlin befand sich wieder im Aufbau. Aber es zerriss Lotte Cohn – ganz Architektin – beinahe das Herz beim Anblick all der zerstörten Gebäude. In Deutschland erinnern seitdem vor allem literarische Hinterlassenschaften an sie. Else Lasker-Schüler erwähnt sie in „Hebräerland“, der Gelehrte Gershom Scholem in seinen Erinnerungen „Von Berlin nach Jerusalem“. Auch findet sie als Schwester des berühmten Berliner Rabbiners Emil Bernhard Cohn hier und da Erwähnung.

Wiederentdeckt wurde sie nun von Ines Sonder, die im Rahmen ihrer Promotion über Gartenstädte am Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum auf die vergessene Architektin stieß und alte Architekturzeitschriften sowie Nachlässe ihrer Verwandtschaft durchforstete. Einfach war das nicht, zumal  zwar oft Entwürfe und Notizen für geplante Gebäude vorhanden sind, eine entsprechende Adresse aber nicht existiert. Allein im Ausstellungskatalog finden sich 24 solcher Fälle. So ist die Verkehrsbehörde in Tel Aviv wohl nicht das einzige Gebäude, in dem der Alltag die Erinnerung an Lotte Cohns Erbe verdrängt hat.

Anfang Oktober erscheint die von Ausstellungskuratorin Ines Sonder verfasste Cohn-Biografie bei Suhrkamp.

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