Kultur : Architektur: Die Grenzen der Zivilisation

Falk Jaeger

Ereignisse wie die von New York und Washington zwingen uns dazu, inne zu halten. Aber sie verleiten auch angesichts des Ausmaßes des Schreckens zur Überinterpretation. "Nach dem Angriff auf die USA wird die Welt eine andere sein" - wie denn, was denn, wo denn?, wird sich der Hirte in den Anden, der Farmer in Namibia oder der Reisbauer in Burma fragen. Des einen Welt hat sich seit Jahrhunderten nicht gewandelt, der zweite lebt in politisch fragilen Zeiten, und der dritte hat ganz andere Sorgen. Die Vergleiche mit Pearl Harbor sind ebenso wenig angebracht wie die Rede vom ersten Krieg des 21. Jahrhunderts. Die beiden Terroranschläge sind ein Problem der westlichen Zivilisation. Und es wird eine Hauptaufgabe der Weltpolitik sein, zu verhindern, dass die Kommunikation zwischen der westlichen und der islamischen Welt nun abbricht.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Westliches Denken ist ökonomisch und technisch erfolgreicher, also vordergründig attraktiver. Der kulturelle Wandel in Fernost, die Amerikanisierung Japans, der mit staunenswerter Dynamik ablaufende Umbau Schanghais zur Hochhausmetropole, all diese unaufhaltsamen, vom naiven Stolz der Protagonisten getragenen Entwicklungen können aber nicht verbergen, dass der "Fortschritt" mit dem Verlust an traditionellen Werten einhergeht; ja, er ist mit den Wertesystemen vieler Kulturen und Religionen weitgehend inkompatibel. In der perfiden Logik der Terroristen gilt dies möglicherweise als existentzielle Bedrohung - auf die sie mit extremen Mitteln reagieren wollen. Also greifen sie die Weltmacht USA genau dort an, wo sich das von ihnen gehasste System am erfolgreichsten und symbolträchtigsten zeigt. Dort, wo das immerwährende Schneller, Höher, Weiter seine mythische Kraft entfaltet: bei den Wolkenkratzern Manhattans oder beim Pentagon, dem größten Bürogebäude der Welt.

Manifeste der Macht

Eine Gesellschaftsform, deren Triebfedern Ehrgeiz, Stolz und Eigennutz sind, möchte ihre Macht und Herrlichkeit manifestieren. Sie wird dies zumeist mit großartiger Architektur oder gigantischen Funktionsbauten tun. Gotische Kathedralen und tropische Riesenstaudämme, Zeppelinhallen und Wolkenkratzer haben hierin ihren Ursprung. Ihre Funktion als "Symbole des Fortschritts", als Wahrzeichen der politischen und wirtschaftlichen Macht prädestiniert sie zum Ziel für Gegner des Systems. Weil sie Symbolfunktion haben, gewinnt ihre Zerstörung ebenfalls zeichenhaften Charakter. Außerirdische bedrohen im Science-Fiction-Film nicht Kinshasa oder Mexico City, sondern Manhattan oder den Eiffelturm. Irdische Systemgegner denken genauso wie Hollywood-Regisseure.

So unreflektiert wie die Errichtung der Manifeste der Macht und Herrlichkeit ist der Wiederaufbaureflex. In einer Mischung aus ohnmächtigem Zorn und trotzigem Selbstbehauptungswillen kündigte New Yorks Bürgermeister Giuliani den unverzüglichen Wiederaufbau der Türme des World Trade Center an. Es könnte sein, dass er irrt und dass an eben jener Stelle in Lower Manhattan noch höher, schöner und prächtiger gebaut werden wird denn je. Andererseits ist der Symbolgehalt der Türme nach ihrer Zerstörung gestiegen: Postkarten mit dem WTC sind begehrte Mangelware, Straßenhändler verkaufen noch mehr T-Shirts mit den Türmen darauf. Allenfalls kommt dieser Symbolgehalt im Akt des Wiederaufbaus erst richtig zur Geltung: Die Dresdner Frauenkirche war als Ruine ein Symbol und ist als Baustelle ebenfalls eines - in fertigem Zustand wird sie womöglich uninteressant werden. Hingegen wurde das Warschauer Schloss erst mit und nach seinem Wiederaufbau zum Symbol polnischer, sich auf die Historie besinnender Identität.

Das World Trade Center hatte bereits einiges an Faszination verloren, nachdem seine Höhe von der Höher der Sears Tower in Chicago und der Petronas Towers in Kuala Lumpur übertroffen worden war. In seiner Dualität und seiner fotogenen Situierung an der Südspitze Manhattans behielt es jedoch seine Eignung als main target - als herausragendes Ziel.

Leider geht mit der physikalisch-technischen Beherrschbarkeit der im Westen als zivilisatorische Hochleistungen verstandenen Rekordbauten nicht automatisch deren gesellschaftliche Beherrschbarkeit einher. Je größer die Flugzeuge und Schiffe, desto größer das Gefahrenpotenzial und das Risiko des Kontrollverlusts. Kernkraftwerke werden gemeinhin als technisch sicher angesehen. Sie sollen sogar einem Flugzeugabsturz trotzen. Doch sie sind gleichzeitig aus anderen, aus gesellschaftlichen Gründen potenzielle Katastrophenorte. Sie müssen geschützt werden, mit Folgen, die die Freiheit des Einzelnen einschränken.

Die Ereignisse vom Dienstag bringen aber auch hier beruhigende Gewissheiten ins Wanken. Noch sind die Ängste in Erinnerung, die man in Ägypten während des Sechs-Tage-Kriegs hatte: Würde Israel den Assuan-Staudamm bombardieren und somit ganz Ägypten ins Mittelmeer schwemmen? Wolkenkratzer, das wissen wir nun, gehören ebenfalls in diese Gefahrenkategorie. Indes denken die "fortschrittlichsten" Architekten und Investoren bereits an kilometerhohe Türme oder an schwimmende Städte für Zehntausende von Menschen. Nur: Sind uns die Grenzen der westlichen Rekordzivilisation nicht eben aufgezeigt worden?

Der menschliche Maßstab

Der Aspekt des "menschlichen Maßstabs" erscheint seit der Zerstörung des World Trade Centers in einem anderen Licht: Eine Höhe von 400 Metern in Rekordzeit auf Fluchttreppen zu überwinden, ist nurmehr den Jüngeren möglich ist. Dieser Maßstab geht einher mit Aspekten der Ökologie und der Nachhaltigkeit, die beim Umbau unserer Gesellschaft immer wichtiger werden. Für die Umweltgestaltung heißt das, die Flächen niedriger, aber dichter zu nutzen. An Orten hoher Zivilisation Wolkenkratzer zu planen, macht in einer Epoche sinkender Bevölkerungszahlen wenig Sinn. Wolkenkratzer sind die Dinosaurier der Architektur, groß, dumm und gefräßig. Sie sind zu teuer im Bau und im Unterhalt, verbrauchen zu viel Energie und beeinträchtigen die Umgebung durch Fallwinde und Schattenwurf.

Und sie sind gefährdeter als flachere Strukturen. Auch das konnte man am Dienstag erleben: Das Pentagon war in gleichem Maß getroffen worden, doch Tote gab es nur am unmittelbaren Einschlagsort. Im übrigen Gebäude wurde am nächsten Tag wieder gearbeitet.

Hochhäuser sind auch mit dem irreführenden Etikett "ökologisch" nicht vernünftiger geworden. Hochhausbefürworter können mit Bildern arbeiten, appellieren an die Sensationslust des Publikums. Hochhausskeptiker sind auf trockene Zahlen und ernüchternde Erkenntnisse angewiesen - und die will keiner hören. .

Jedes Bauen geht mit Umweltzerstörung einher. Es kommt darauf an, den Grad der Umweltbelastung zu minimieren. Nicht alles, was Investoren oder Minister zu finanzieren bereit sind, sollte auch gebaut werden. Denn Bauen verbraucht Ressourcen, und hoch Bauen verbraucht mehr Ressourcen. Der Wolkenkratzer ist ein Symptom unserer auf Höchstleistungen fixierten Gesellschaft. Naturkatastrophen, technische Fehler, menschliche und politische Verbrechen können zu Katastrophen ungekannten Ausmaßes führen. Damit ist nicht gemeint, dass wir uns von Terroristen die Höhe unserer Neubauten vorschreiben lassen sollten. Vor dem Risikopotenzial unserer schwer zu beherrschenden technischen und architektonischen Superlative sollten wir aber trotzdem nicht die Augen verschließen.

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