Architektur : Die neue Apollo-Mission

Die Finanzkrise ist auch eine Krise der Architektur. Sie muss endlich menschlich und grün werden.

Ingolf Kern

Gäbe es noch Staatsbürgerkunde, die Lehrer hätten keine Not, die Krankheiten des Kapitalismus zu geißeln: Menschen in Zeltstädten, leer stehende Häuser, verfallene Straßenzüge. Sie könnten Schautafeln hochhalten, auf denen Wolkenkratzer zu sehen sind, die allenfalls noch auf dem Papier existieren und wahrscheinlich nie gebaut werden. Trump International Hotel in Dubai für 438 Millionen Euro – fraglich. Jean Nouvels Tower Verre mit 75 Stockwerken in New York – unbefristet verschoben. Restaurant- und Shoppingcenter „The Village“ in China – verkleinert. Norman Fosters Rossija-Hochhaus in Moskau – eingefroren.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat ambitionierte und spektakuläre Bauvisionen zunichte gemacht. Und das trifft nicht nur Wolkenkratzer. Eine Studie der Beratungsfirma Cushman & Wakefield prognostiziert zum Beispiel einen Einbruch von 40 Prozent beim Neubau großflächiger Einkaufszentren in Europa. Die weltweiten Baustopps haben hunderttausende Arbeitsplätze gekostet. In New York fühlt man sich an das Jahr 1929 erinnert, als eine der großartigsten Architekturepochen an ihr Ende kam. Projekte im Wert von fünf Milliarden Dollar fielen der Finanzkrise zum Opfer. Auch im Orient fehlt das Geld. Gerade in Dubai wird das offenkundig. Das Bauvolumen sollte etwa 730 Milliarden Dollar betragen. Im Oktober 2008 brachen die Preise für Häuser und Wohnungen ein, der Bauboom war vorbei. Viele, die zum Arbeiten nach Dubai gezogen waren und dort Wohnungen gekauft hatten, konnten plötzlich Kredite nicht mehr bedienen und verließen fluchtartig das Land. Kürzlich war zu lesen, dass am Flughafen Dubai etwa 3000 zurückgelassene Autos stehen. Zeichen einer gescheiterten Verheißung.

Doch nicht nur die Immobilienmagnaten stehen am Pranger, die internationale Architektenbranche sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Kulisse für die Gierigen gebaut, heroische Architektur geliefert und neureiche Geschmacksfantasien bedient zu haben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Schnell sind die ins Gerede gekommen, die Fernsehzentren für Diktaturen und Paläste für Oligarchen gebaut haben. Manches davon ist wohlfeil, doch die Debatte, wozu Architektur dienen soll und wie sie sich mit weniger Geld entwickeln kann, ist in vollem Gange.

Für den israelischen Architekten Zvi Hecker stellt sich längst die Frage, in welcher Weise mit dem Scheitern dieser Projekte auch eine „politisch-moralische Krise der Architektur“ sichtbar werde. „Die Architektur schlug sich auf die Seite der Potenten und glorifizierte den Einfluss der Finanzmarktzauberer. Je obskurer und ökologisch unverantwortlicher die Finanzinvestitionen gerieten, desto exzessiver gebärdete sich die architektonische Formensprache. In ihrer extremsten Form wurde die Architektur zu ihrer alleinigen Funktion, genauso wie das aufgeblasene Wachstum der Finanzmärkte ihre alleinige raison d’être wurde“, sagt er. Zweifelhaft beleumundete Auftraggeber zwischen Moskau, Dubai und Peking hätten den Architekten den Mund wässrig gemacht, sie zum hastigen Bauen animiert, um schnell Rendite zu erzielen, gelitten habe darunter meist die Qualität. Gerade in den Emiraten stellt sich heraus, dass etliche Luxusbauten die nächsten Jahre nicht werden überleben können, weil die Betonmischung so minderwertig ist, dass ein Abriss unausweichlich scheint. Dass in Zeiten ungezügelten Baueifers nicht an Umweltverträglichkeit gedacht wurde, liegt ebenso auf der Hand.

Die Immobilienkrise hat das Berufsbild des Architekten infrage gestellt. Viele Büros sind durch den Auftragsrückgang von Entlassungen betroffen. Gerade die Stars der Branche bekamen das zu spüren. Foster musste schon im Februar sein Berliner Büro schließen und 76 Mitarbeiter kündigen, auch andere spürten die Vorsicht der Investoren. In Europa ist die Zahl der in Architekturbüros angestellten Studenten in den vergangenen Monaten überproportional gesunken. Berufseinsteiger werden vor Ende der Probezeit gefeuert. Generell aber, so glaubt der Geschäftsführer der Bundesarchitektenkammer, Tilman Prinz, kämen die deutschen Architekten glimpflicher durch die Krise als ihre internationalen Kollegen. Zum einen seien ihre Büros nicht so groß, zum anderen partizipieren sie ordentlich an öffentlichen Aufträgen.

„Wir malen nicht rosa, aber anders als in Spanien oder Irland war der Baumarkt in Deutschland nicht so überheizt. Wir haben einen relativ soliden Mittelstand und können flexibler reagieren. 80 Prozent der Büros haben nur zwei bis vier Mitarbeiter“, sagt Prinz. Doch hegt er durchaus Zweifel, ob das milliardenschwere Konjunkturprogramm der Bundesregierung neben der Konjunktur auch die Städte belebt: „Ich glaube, dass dieses schnelle Geldausgeben zu schlechter Architektur führt. Wer keine Zeit zum Planen hat, der zahlt beim Bauen drauf. Deshalb fordern wir, dass das Paket um mindestens ein Jahr gestreckt wird.“

Prinz beschreibt eine Debatte, die auch international geführt wird. So warnte der amerikanische Architekt Michael Sorkin in einem Brief an Präsident Barack Obama davor, die vorgesehenen 800 Milliarden Dollar für Infrastruktur allein in Projekte zu stecken, die den Status Quo zementieren: „Das Letzte, was wir brauchen, sind Ideen aus der Schublade, die sich an alten Wertmaßstäben orientieren und jene Neuerungen verhindern, die wir heute brauchen.“ Sorkin nennt zehn Punkte, wohin das Geld sinnvoll fließen könnte: neue, dichtere Städte, öffentliche Verkehrsmittel, alternative Energieträger, Bau von Schulen und Universitäten. Doch ob solche Warnungen Gehör finden? Der so genannte „Subventionsurbanismus“ ist in vollem Gange. Was ist gewonnen, wenn europaweit Straßen gebaut werden, die sich als nutzlos erweisen und allein kurzfristig Arbeitsplätze schaffen?

Der Stuttgarter Architekt Alexander Rieck glaubt, dass eine Debatte über nachhaltiges Bauen und architektonische Qualität einsetzen wird. „Die deutschen Architekten haben zwar ein gutes Know-how für Nachhaltigkeit, aber die Auftraggeber in den Städten nutzen es wie ein Feigenblatt. Es geht nicht um ein Vordach mit Sonnenkollektoren, es geht darum, wie wir Formen finden, die ökologisch verträglich sind.“ Rieck, der auch für das Fraunhofer-Institut tätig ist, glaubt, dass sich deutsche Büros an die Spitze der Bewegung stellen sollten: „Die Zeiten, wo wir Gäste in einem Luxushotel mit einem Spülknopf dazu erziehen, Wasser zu sparen, sind vorbei. Letztlich stehen wir vor einer neuen Apollo-Mission. Und die muss nachhaltig, seriös und sexy sein.“ Vorreiter der Entwicklung sieht Rieck im Berliner Graft-Büro, das nicht zuletzt von Hollywoodstar Brad Pitt dazu gebracht worden sei, Gefallen an grüner Architektur zu finden. Auch Jürgen Mayer H. gehöre in diese Kategorie. „Wir brauchen in den Planungsprozessen ein neues Verständnis von Architektur und keine Alibi-Debatten“, sagt Rieck. Und sein Frankfurter Kollege Jürgen Engel ergänzt, dass die deutschen Architekten und die Industrie „mehr Marketing für ihre Technologien der Nachhaltigkeit“ betreiben müssten. Da seien die Amerikaner („die Energieverschwender“) immer noch Vorreiter. Doch ob diese Debatte auch wirklich verfängt? Schon gibt es Anzeichen, dass der Motor wieder anspringen und der Bauwahn weitergehen könnte.

Wie die Dinge liegen, ist die Situation durchaus vergleichbar mit den zwanziger Jahren, als sich das „Neue Bauen“ mit Innovationen in Baustoffen und Konstruktionen hervortat, veränderte Nutzungskonzepte entwickelt wurden und die Kommunen einen neuartigen Städtebau förderten. Letztlich geht es um eine Antwort, wie Architektur auf ein mögliches Ende des Wachstums reagiert und welche Formen dafür bestimmend sein werden. Und es geht darum, ob sich weltweit so etwas wie ein „Recht auf Stadt“ wird durchsetzen lassen, also das Recht auf Wohnen und Teilhabe. In den Vereinigten Staaten existiert seit etwa zwei Jahren ein immer größer werdendes Bündnis, das die Stadt und ihre Menschen in den Fokus einer tiefgreifenden Gesellschaftsreform stellen will.

Aber wie wird die Architektur nach der Krise aussehen? Niedriger, schlichter, besser? Wie wird sich das Wohnen in den Innenstädten gestalten? Welche Formen von Eigentumsbildung werden sich durchsetzen? Thomas Willemeit von Graft warnt davor, einen eingeschränkten Kriterienkatalog für Architektur aufzulegen, neue Denkverbote auszusprechen und nur noch nach Tabellen, Zahlenwerten und Lärmschutzverordnungen zu entwerfen: „Die Krise ist doch ausgelöst worden durch einen gottähnlichen Glauben an ein mittelmäßiges Qualitätskonzept. Architektur braucht aber Neugier, Individualität, Poesie und Wagnis, hohe Qualität auf allen Ebenen. Schnelle Rendite und Austauschbarkeit ist die größte Gefahr für das Bauen. Gesichtslosigkeit verliert an Wert.“

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