Architektur : Durchlüftet

Das Institut für Bildungsforschung der Max-Planck- Gesellschaft im Südwesten Berlins ist ein Erlebnis - das Meisterstück der Architekten Fehling + Gogel.

Bernhard Schulz

Bescheiden ist der Eingang zu dem massigen Gebäude. Ein zylindrischer Turm ragt daraus wie ein Burgfried hervor. Aber dann! Der Eintretende ist überwältigt von der Landschaft aus Terrassen, Stufen, Stützen und Treppen. Vor allem die Treppen: Sie winden sich elegant nach oben, eine große Treppe mittig, eine weiter hinten, dazu kreuzen Stege, und erst auf den zweiten Blick wird man gewahr, dass aus dieser Halle drei Flügel wie gespreizte Finger abzweigen. Das Institut für Bildungsforschung der Max-Planck- Gesellschaft im Südwesten Berlins ist ein Erlebnis; umso mehr, als der Komplex jetzt beeindruckend restauriert worden ist. Jetzt strahlen die bewusst roh gehaltenen Betonelemente durch starkfarbigen Anstrich die Frische des Aufbruchs aus.

Hermann Fehling (1909–1995) und Daniel Gogel (1927–1997) heißen die Architekten, denen aus Anlass der Restaurierung ihres 1965 entworfenen, aber erst 1974 vollendeten Hauptwerks dortselbst eine Ausstellung gewidmet ist, begleitet von der ersten nennenswerten Publikation überhaupt. Merkwürdig, wie das Duo aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit fallen konnte. Dabei setzten sie mit dem Berlin-Pavillon zur „Interbau“ 1957 oder dem gleichzeitigen Studentendorf Schlachtensee (unter Mitarbeit von Peter Pfankuch) Landmarken im Nachkriegs-Berlin, wie auch mit den beiden expressiv gezackten Kirchen an der Haupt- und an der Dominicusstraße. Aber sie gehören einer anderen Epoche an. Als 1980 das Max-Planck- Institut für Astrophysik im äußersten Norden Münchens, ein weiteres Hauptwerk, fertiggestellt war, hatte die Postmoderne ihre optimistische Architektursprache gleich um Jahrzehnte altern lassen.

Augenfällig ist heute eine Verwandtschaft zu den Innenraumlandschaften Hans Scharouns, die von den Architekten selbst jedoch stets bestritten wurde. In der Tat kommen sie nicht vom organischen Bauen ihres 1972 verstorbenen Zeitgenossen her, sondern aus der Geometrie, die sich beim Studium der verschachtelten Grundrisse offenbart. Doch der Effekt ist ähnlich: die „gegenseitige Wahrnehmung der Benutzer in einem enthierarchisierten Innenraum, der ein freies und friedliches Miteinander beschwört“, wie Katalog-Mitherausgeber Gunnar Klack zutreffend bemerkt.

Fehling + Gogel gehören zu jener Nachkriegsmoderne, die die Bundesrepublik durchlüftet hat. Vielleicht war es ihr Pech, dass sie sich mit ihren insgesamt vier bedeutenden Institutsbauten auf die Wissenschaftsarchitektur konzentrierten, die damals stadträumlich keine prägnante Rolle spielte. Auch das Institut für Bildungsforschung muss man suchen – aber es lohnt sich. Es ist ein Institut, an dem man studiert haben möchte.

Berlin, Lentzeallee 94, bis 27. November, Mo - Fr 9 - 18 Uhr, Sa 9 - 13 Uhr, Eintritt frei. Katalog im Jovis-Verlag, 29,80 €.

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