Architektur : Ein Haus streckt sich zum Himmel

Die neue Moritzburg: Das Architektenduo Nieto-Sobejano hat Halle ein Wahrzeichen gebaut.

Michael Zajonz

An der Saale hellem Strande/ stehen Burgen stolz und kühn./ Ihre Dächer sind zerfallen,/ und der Wind streicht durch die Hallen,/ Wolken ziehen d’rüber hin.



Franz Kugler (1826)

In Halle an der Saale standen die Fassaden noch. Doch in der mitteldeutschen Industrie- und Kulturstadt wäre niemand auf die Idee gekommen, die beiden seit dem Dreißigjährigen Krieg ruinösen Flügel der spätmittelalterlichen Moritzburg so wie das Berliner Schloss zu rekonstruieren. Das vom spanischen Architekturbüro Nieto Sobejano spektakulär in historischen Mauern erweiterte Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt wurde gestern von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet. Baukünstlerisch ist es der bedeutendste Museumsbau in Deutschland seit Chipperfields Marbacher Literaturmuseum. Ein Erfolg des deutschen Kulturföderalismus. Nicht immer spielt die Musik in der Hauptstadt.

Über die Wahl des Madrider Architektenpaars Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano, die sich gegen HG Merz, Axel Schultes und andere Platzhirsche durchsetzten, sind in Halle alle glücklich. Wenn Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan Hendrik Olbertz als Bauherr von „unbändiger Freude“ spricht, schwingen auch Erleichterung und berechtigter Stolz mit. Erleichterung darüber, dass sich das technisch und künstlerisch kühne Projekt innerhalb des Kostenrahmens für 18 Millionen Euro realisieren ließ. Und Stolz, dass ausgerechnet in dem von sozialen Problemen gebeutelten Halle der erste Bau von Nieto Sobejano in Deutschland entstanden ist.

Wer den geräumigen Innenhof der einstigen Residenz der Magdeburger Erzbischöfe betritt, sieht auf den ersten Blick – nur alte Steine. Schaut man jedoch nach oben, türmt sich über den umgebauten Flügeln eine Dachlandschaft aus Aluminium, Glas und Stahl auf. In ihren fantastischen Graten, Knicken und Volumina erinnert sie an Hans Poelzigs expressionistische Kulissenstadt zum Stummfilm „Der Golem – Wie er in die Welt kam“. Oder an Lyonel Feiningers berühmte Serie der Halle-Bilder, die der Künstler in einem Atelier in der Moritzburg geschaffen hat. Enrique Sobejano bewundert beides.

In Spanien, erzählt Sobejano, gibt es den Witz: „Fang den Hausbau nie mit dem Dach an.“ In Halle ging es nicht anders. Von zwei der vier Burgflügel standen nur noch Wände. Prächtige Wände aus Natursteinmauerwerk, mit spätgotischen Fensterrahmen. Dahinter war viel freier Raum: im Westflügel, der nun die ständige Sammlung mit vielen Meisterwerken des deutschen Expressionismus beherbergt, eine fast 90 Meter lange Halle.

„Wir mussten hier nur noch“, stapelt Sobejano tief, „Licht und Räume einbauen.“ Entstanden ist ein selbstbewusster Neubau in historischen Mauern, der weder fantasielos das Verschwundene rekonstruiert noch das Neue provokativ in den historischen Bestand klotzt; der Räume schafft, die sich der Kunst unterordnen und doch voller Spannung stecken. Baukunst als emotionaler Drahtseilakt: Licht, Raum und Substanz, dynamische Durchblicke und ruhige Hängeflächen, ein Museum zum Aufatmen und Festhalten. Museumsdirektorin Katja Schneider nennt es „unser neues Wahrzeichen“.

Mehr können Architekten nicht leisten. Obwohl Nieto und Sobejano ihr Büro seit zwei Jahrzehnten betreiben, gelten sie als Baukünstler vor dem großen Karrieresprung. Sie haben ihre Entwurfsphilosophie entwickelt und erproben sie nun in aufsehenerregenden Projekten. Mit dem Kongresszentrum der diesjährigen Expo in Saragossa und einer Museumserweiterung in Graz werden sie in die Riege internationaler Stararchitekten aufrücken. Sobejano lehrt übrigens seit September als Professor an der Berliner UdK.

Der Hallenser Auftrag kam im rechten Augenblick: für die Architekten wie für die erstklassige Moritzburg-Sammlung. Und natürlich für die Frage, was ein Kunstmuseum in der ostdeutschen Provinz heute leisten muss. Nach den Neu- und Wiedereröffnungen in Leipzig, Chemnitz und Cottbus punktet Halle doppelt: unverwechselbare Architektur und traditionsreiche Sammlung. In Halle wurden unter den Direktoren Max Sauerlandt, Paul Thiersch und Alois Schardt schon früh herausragende Werke der Expressionisten gesammelt, ein Bilderschatz, der mit der Aktion „Entartete Kunst“ fast völlig verloren ging und nach 1945 nur teilweise kompensiert werden konnte.

Gleichwohl umfasst die Sammlung noch immer Ikonen: Edvard Munchs „Porträt Dr. Linde“, Erich Heckels „Beim Friseur“, Feiningers „Marienkirche mit dem Pfeil“. Zur Schließung der Wunden wurde 2004 die mehr als 900 Werke umfassende Sammlung von Brücke-Künstlern des Würzburgers Hermann Gerlinger gewonnen. Vier Kabinette im Westflügel sind seinen Schätzen vorbehalten. Der Sammler hat seine Dauerleihgabe mittlerweile in eine Stiftung eingebracht, so dass Halle auf ihren dauerhaften Verbleib hoffen darf. Das Beispiel von Alfred Gunzenhauser in Chemnitz macht Schule.

Trendsetter könnte das Haus bei der Präsentation der Nachkriegskunst werden. Vergeblich sucht man die Alibi-Parallelisierung von Ost- und Westkunst, die in der Hallenser Sammlung bislang ohnehin nur sehr punktuell vertreten ist. Mit ostdeutschen Ausnahmepositionen wie Hermann Glöckner, Eberhard Göschel oder Einar Schleef lässt sich die Geschichte der Moderne schließlich ebenso gültig erzählen. Wenn dann irgendwann ein guter Gerhard Richter oder früher Penck ins Haus kommt – umso besser. Auf der Moritzburg hat man Gelassenheit gelernt.

Geöffnet ab 13. 12. Sammlungsführer 24,90 € und Architekturführer (beide Hirmer Verlag) 14,90 €.

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